Wir sagen ganz klar

Helmut Jäger (oben) und Hans-Henning Terschüren: Wir wollen in Braunschweig Arbeitsplätze schaffen
Solvis GmbH & Co KG<br /><br />Standort:<br />Braunschweig<br /><br />Geschäftsführer:<br>Helmut Jäger und Klaus-Henning Terschüren<br /><br />Mitarbeiter:<br />220<br /><br />Unternehmensfläche:<br />8000 m2<br /><br />Umsatz 2006:<br />47 Mio. €<br /><br />Gründungsjahr:<br />1982

"Wir sagen ganz klar: Wir wollen in Braunschweig Arbeitsplätze schaffen"

Schlagzeilenmacher, Jobmotor, Retter des Planeten - das Thema Erneuerbare Energien rückt immer stärker in den Mittelpunkt. Die Solvis GmbH & Co KG, Solar- und Heiztechnikhersteller aus Braunschweig, zählt zu den Impulsgebern der Branche. Im Interview verraten die beiden Geschäftsführer Helmut Jäger und Klaus-Henning Terschüren, warum die Solvis-Produkte so gefragt sind, wie wichtig Solarenergie für die Zukunft ist und auf welche Weise ihre Nullemissionsfabrik funktioniert.

wirtschaft   Was ist das Kernprodukt Ihres Unternehmens?

Helmut Jäger   Unser Hauptprodukt ist der Solarheizkessel zur Wärmeerzeugung, der Solarspeicher und Brennwertkessel in einem Gerät vereint. Es kann ein Ölbrenner integriert sein, ein Gasbrenner oder auch eine Wärmepumpe. In Planung sind auch Pelletbrenner und Brennstoffzelle. Außerdem kann das System auch in Stufen genutzt werden, also erst nur als Speicher oder auch nur als Heizkessel. Wir sind der einzige Hersteller eines solchen Heizkessels, der mit allen Energiearten kombinierbar ist und in den die Sonnenwärme immer direkt eingespeist wird.

wirtschaft   Wer sind Ihre Kunden?

Jäger   Die Heizungsbauer. In Deutschland gibt es rund 40 000 Heizungsbaubetriebe, von denen 1000 unsere Kunden sind. Mit rund 400 Heizungsbaubetrieben haben wir eine Partnervereinbarung als Erstlieferant.

wirtschaft   Der Kundenstamm ist also noch ausbaubar.

Jäger   Das ist richtig. Doch das Ziel ist nicht, alle Heizungsbaubetriebe für uns zu gewinnen, sondern ca. zwei Prozent - aber nicht irgendwelche zwei Prozent, sondern die besten Handwerksbetriebe. Wir können nur verkaufsaktive Heizungsbauer als Kunden gebrauchen. Die Handwerker, die auf einen Anruf warten, dass die Heizung kaputt und die Wohnung kalt ist - das sind nicht unsere Leute.

wirtschaft   Im Vergleich zu 2004 hat Solvis im vergangenen Geschäftsjahr den Umsatz fast verdreifacht und 47 Millionen Euro erzielt. Was hat Ihnen einen solchen Schub gegeben?

Jäger   In erster Linie die Verknappung der Rohstoffe und der steigende Ölpreis, der in den vergangenen zwei Jahren nach oben geklettert ist. Jetzt geht der Ölpreis wieder zurück - das bekommen wir direkt zu spüren. Auch die staatliche Förderung zählt zu den Gründen, warum unsere Produkte gefragt sind.

Klaus-Henning Terschüren   In diesem Jahr peilen wir mit unseren 222 Mitarbeitern einen Umsatz von 52 Millionen Euro an. Die Mitarbeiterzahl wird in den nächsten Monaten auf 250 anwachsen, bis 2010 sollen es 350 sein. Wir sagen ganz klar: Wir wollen in Braunschweig Arbeitsplätze schaffen.

wirtschaft   In welchem Rahmen bewegt sich die Solar-Förderung?

Jäger   Wer sich ein Solarheizsystem für sein Einfamilienhaus kauft, bekommt eine Förderung von 70 Euro pro Quadratmeter Kollektorfläche - im Durchschnitt ergibt das einen Zuschuss von 700 bis 800 Euro. Was auffällt: Bei Mehrfamilienhäusern, in denen mehr als die Hälfte der Einwohner Deutschlands zu Hause ist, werden Solaranlagen noch so gut wie gar nicht genutzt - hier gibt es noch ein großes Potenzial. Bisher ist Solarwärme noch teurer als konventionelle Wärme. Deswegen dürfen die Zuschüsse nicht noch weiter sinken, das würde den Markt negativ beeinflussen. Unser Vorschlag ist, die Förderung stärker an die Entwicklung der Energiepreise zu koppeln - das wäre die richtige Maßnahme.

wirtschaft   Gerade haben Sie in Braunschweig eine eigene Produktion von Absorbern, die Bestandteil der Sonnenkollektoren sind und der Energieaufnahme dienen, aufgebaut. Wie hat diese Entscheidung Solvis vorangebracht?

Terschüren   Früher bezogen wir die Absorber aus der Schweiz von der Sunlaser AG. Deren Laserschweißmaschine zur Herstellung der Absorber haben wir gekauft, den Kundenstamm übernommen und die Produktion selbst gestartet. Eine zweite Maschine nehmen wir nun in Betrieb. In der Summe haben wir eine Produktionskapazität von 300 000 bis 350 000 Quadratmetern pro Jahr. Mit den Maschinen, die Absorber aus Kupferrohr und Alublechen zusammenzuschweißen, sind wir technologisch führend in Europa.

wirtschaft   Welche sind Ihre wichtigsten Auslandsmärkte?

Terschüren   In Italien, Spanien und Portugal machen wir nennenswerte Umsätze. Jetzt starten wir in Frankreich, in der Schweiz und in Irland. Größter Absatzmarkt ist Deutschland, hier machen wir mehr als 90 Prozent unseres Umsatzes.

wirtschaft   Die Angst vor dem globalen Klimawandel ist in der Öffentlichkeit zurzeit sehr ausgeprägt. Spüren Sie deswegen ein wachsendes Interesse an Ihrer Arbeit?

Jäger   Klimawandel ist ein wichtiges Thema. Aber ich behaupte: Die Mehrzahl der Leute, die sich aus Klimaschutzgründen unsere Produkte zulegen, haben das schon in den vergangenen zehn Jahren gemacht. Die meisten Menschen reagieren auf den Preis. Die schnellste Reaktion gibt es, wenn sich der Ölpreis verdoppelt. Aber natürlich fördert der Gedanke, dass jetzt unbedingt etwas für die Umwelt getan werden muss, unser Geschäft. Man merkt, dass sich viele Menschen mit dem Thema auseinandersetzen. Auch im Ausland, wo Solarenergie viel weniger verbreitet ist als in Deutschland.

wirtschaft   Was verhindert, dass erneuerbare Energien einen noch höheren Beitrag an der Energieversorgung leisten?

Jäger   Bei denkmalgeschützten Gebäuden gibt es starke Einschränkungen. Doch insgesamt gibt es nur wenige direkte Hemmnisse. Der wesentliche ist der Preis - Solarenergie ist teurer als konventionelle Energie, deswegen kommt sie auch noch nicht in Mehrfamilienhäusern und in der Hotellerie zum Einsatz. Dabei könnte man die Solaranlagen sogar im industriellen Bereich einbauen - überall da, wo Niedertemperaturwärme gebraucht wird. Beispielsweise bei Galvanik- oder Flaschenreinigungsanlagen. Oder beim geplanten Braunschweiger Erlebnisbad.

wirtschaft   Wenn ich mich bei meinem Einfamilienhaus für ein Solarheizsystem entscheide - wie schnell rechnet sich diese Anlage?

Jäger   In Deutschland gibt es vier Millionen Heizkessel, die älter sind als 18 Jahre. Die sind fällig und müssten eigentlich dringend ausgetauscht werden, weil ihr Energieverbrauch riesig ist. Wenn Sie eine solche Anlage konventionell modernisieren würden, müssten Sie 6000 bis 7000 Euro ausgeben - wenn wir sie dagegen mit Solarheizkessel und Solaranlage ausstatten, liegt der Preis etwa doppelt so hoch. Aber: Mit KfW-Förderprogrammen für erneuerbare Energien und in Verbindung mit Energiesparmaßnahmen rechnet sich die Investition vom ersten Tag an - man spart mehr Kosten, als man für Kreditzinsen und Tilgung ausgibt. Wenn man die Anlage aus eigener Tasche finanziert, rechnet sie sich nach ungefähr zehn Jahren. Über die Lebensdauer von 20 Jahren betrachtet, ist unsere Technik die wirtschaftlichste, denn ca. 80 bis 90 Prozent sind Betriebskosten.

wirtschaft   Wie viel Energie spare ich?

Jäger Man spart bis zu 50 Prozent der Energiekosten. Das hängt natürlich auch davon ab, wie sich die Energiepreise entwickeln.

wirtschaft   Solvis ist eine Nullemissionsfabrik. Was bedeutet das? Und ist das Konzept auch auf andere Unternehmen übertragbar?

Terschüren   25 bis 30 Prozent des Energieverbrauchs gewinnen wir über Solarkollektoren für die Wärme sowie über Photovoltaik-Anlagen für den Strom. Der Rest der Energie kommt aus einem Blockheizkraftwerk, das mit kalt gepresstem Rapsöl versorgt wird. Natürlich kann man das Konzept auf andere Betriebe übertragen - auch wenn es bei einem Stahlwerk natürlich komplizierter wäre, als bei einem weniger energieintensiven Unternehmen. Aber es gibt keinen anderen Weg: In 50 Jahren wird es zum Heizen kein Öl und kein Gas mehr geben - wir brauchen Alternativen. Das Wichtigste an der Nullemissionsfabrik ist: Sie spart bis zu 80 Prozent der Energie. Das ist der entscheidende Punkt.

wirtschaft   Den erneuerbaren Energien gehört die Zukunft. Ihre besten Zeiten kommen also noch...

Terschüren   ...das sehen wir genauso, deswegen investieren wir ja auch. Wir planen einen Anbau bis zum Mittellandkanal, mit dem wir unsere 8000 Quadratmeter große Unternehmensfläche um knapp 6000 Quadratmeter erweitern. Wir entscheiden uns in Kürze, ob wir noch dieses Jahr anfangen zu bauen. Vergangenes Jahr haben wir zwei Millionen Euro investiert, und wenn wir den Anbau realisieren, kommen in den nächsten Jahren zehn Millionen Euro dazu.

wirtschaft   Wie lauten die nächsten Ziele von Solvis?

Terschüren   Unser Hauptziel ist, den Markt zu erweitern: Wir wollen die Mehrfamilienhäuser erschließen und auch im Ausland verstärkt tätig werden. Außerdem wollen wir unseren Solarheizkessel für alle Energieträger weiter entwickeln. Der nächste Schritt ist, einen Pelletkessel in den Speicher zu integrieren.

wirtschaft   Solvis hat eine Menge Preise abgeräumt. Auf welchen sind Sie besonders stolz?

Terschüren   Der internationale Umweltpreis Energy Globe ist der prominenteste, dazu der Europäische Solarpreis. Angefangen haben wir mit dem Niedersächsischen Umweltpreis. Jetzt werden wir im Rahmen des Wettbewerbs Land der Ideen ausgezeichnet.

wirtschaft   Bekommt Ihre Branche genug Unterstützung seitens der Politik?

Jäger   In Berlin gibt es einen breiten Konsens, mittlerweile tut die Bundesregierung eine Menge für den Klimaschutz und erneuerbare Energien. Im Koalitionsvertrag steht, dass es ein Erneuerbare-Wärme-Gesetz geben soll, da werden gerade die verschiedenen Modelle ausgefochten. In der Region dagegen vermissen wir die nötigen Signale, hier ist Energie für die Politik kein Thema. Es wird nur das gemacht, was per Gesetz ohnehin gemacht werden muss. In vielen Kommunen gibt es Förderprogramme für Neubauten, damit sie mit Solarenergie oder besonders guter Wärmedämmung ausgestattet werden - in Braunschweig gibt es diese Programme nicht.

wirtschaft   Solvis zeichnet eine besondere Unternehmensphilosophie aus.

Terschüren   Der Mensch steht bei uns ganz deutlich im Mittelpunkt. Wir bieten jedem unserer Mitarbeiter an, Gesellschafter zu werden. Im Moment haben wir 31 Gesellschafter, weitere neun möchten es werden. Wer sich nicht beteiligen möchte, den versuchen wir auf andere Art und Weise an den Betrieb zu binden. Wir haben sehr flache Hierarchien - das macht unser Klima aus. Einmal im Monat haben wir eine Betriebsversammlung, in der die Ergebnisse und Zahlen kommuniziert werden.

Wie sieht die Heizungsanlage in Ihrem Zuhause aus?

Jäger   Im Moment habe ich eine Solaranlage mit einem SolvisMax, der zusätzlich mit Gas befeuert wird, wenn die Sonne nicht reicht. Im Sommer soll der neue Pelletbrenner kommen, dann werden wir den Gasanschluss wahrscheinlich kündigen und das Haus zu 100 Prozent mit regenerativen Energien versorgen.

Terschüren   Früher war ich für Forschung und Entwicklung zuständig, da wurde alles bei mir zu Hause getestet. Heute macht Helmut Jäger das...

Wie verbringen Sie am liebsten Ihre Freizeit?

Jäger   Im Stuhl sitzen und lesen, möglichst in der Sonne. Ich lese alles, was mit Energie, Marketing, Politik und Philosophie zu tun hat.

Terschüren   Ich fahre Kajak, am liebsten da, wo sonst niemand ist. Ich bin Imker und habe fünf Bienenvölker - um das Unternehmen mit Honig zu versorgen, reichen die aus. Ich habe Lust, Kindern und Jugendlichen in der Region auf die Sprünge zu helfen, wir müssen unseren Kindern viel mehr Werte mitgeben. Zuletzt habe ich Bewerbungstraining mit Jugendlichen von der IGS gemacht. Hoffentlich bekommen wir es bei Solvis geschafft, einen Kindergarten aufzubauen. boy/jh

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