Dr. Cordes: Neue Therapien

Dr. Arno Cordes, Inhaber von ASA Spezialenzyme GmbH<br />Foto: Heinz Gramann
Mikroorganismen für die Shrimpszucht in Indonesien: Petra Hoferichter und Axel Stafforst am Fermenter<br />Foto: Heinz Gramann

Dr. Cordes: Neue Therapien für verrostete Stahlteile und umgekippte Gewässer

Dr. Arno Cordes (50) ist ein konservativ denkender Unternehmer, der in dem rasant wachsenden Markt der Biotechnologie tätig ist. Worauf Cordes sehr zurückhaltend, ja sogar kritisch reagiert, ist das Gebahren von manchen Risikokapital-Gebern. Sein Unternehmen, die ASA Spezialenzyme GmbH, mit Sitz in Wolfenbüttel, ist weltweit erster Anbieter für die Entrostung von Stahlteilen mit Hilfe der Biotechnologie und hat sich darüber hinaus mit der "Reinigung" von Teichen und Seen einen Namen gemacht. Zu dem beeindruckenden Kundenstamm gehören die Autostadt und Bosch. Ein weiteres Standbein des Unternehmens sind Enzyme, mit denen zum Beispiel bei der Olivenverarbeitung die Ölausbeute um bis zu 20 Prozent erhöht werden kann.

wirtschaft: Heiße Sommertage sind für Badeseen und Gartenteiche regelmäßig eine Belastungsprobe. Krankheitserreger und eine Trübung durch Algenbewuchs nehmen deutlich zu. Die Ursachen sind vielfältig. Herr Dr. Cordes, Sie setzen zur "Reinigung" der Gewässer heute sehr erfolgreich Bakterienstämme ein.

Dr. Cordes: Mikroorganismen sind in 90 Prozent aller Fälle in der Lage, den Zustand eines Gewässers deutlich zu verbessern. Krankheitserreger, üble Gerüche und die Trübung durch Algenbewuchs verschwinden oder werden zumindest stark reduziert. Auch die Schlammbildung wird deutlich verringert, indem die organischen Bestandteile des Schlammes abgebaut werden.

Eine Besserung tritt bereits nach 2 bis 3 Wochen ein. Nach 4 bis 5 Wochen sind die Behandlungsziele erreicht. Die Algen sind verschwunden bzw. nur noch in sehr geringem Maße vorhanden und das Wasser nimmt einen eher bräunlichen Ton an. Die Sichttiefe sollte dann mindestens einen Meter betragen, sodass der Teichbesitzer seine Fische wieder sehen kann.

wirtschaft: Hat es bei Ihren Kunden auch Vorbehalte gegeben?

Dr. Cordes: Ja, insbesondere im Bereich der Badegewässer. Vor zehn Jahren hat man seitens der Genehmigungsbehörden hier noch abgewunken und die Zugabe von Bakterienmischkulturen in Badegewässer nicht genehmigt. Inzwischen setzt sich glücklicherweise mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass natürliche Bakterienstämme, wenn Sie als harmlos klassifiziert und registriert sind, in Badegewässern für den Menschen völlig unschädlich sind.

wirtschaft: Ist Ihr Unternehmen in Deutschland der führende Anbieter?

Dr. Cordes: Sagen wir es mal so: wir sind vielleicht die Ehrlichsten, weil wir versuchen, beim Kunden keine unrealistischen Erwartungen zu wecken. Biologische Produkte sind nun mal keine Wundermittel und dies sagen wir auch. Es gibt in Deutschland keinen Anbieter, dessen Produkt- und Dienstleistungsangebot mit dem unseren vergleichbar ist.

wirtschaft: Wer sind Ihre Kunden?

Dr. Cordes: Ich bereite gerade ein Angebot für ein großes Badegewässer in der türkischen Stadt Ankara vor und in Südafrika läuft derzeit ein größeres Staudamm-Projekt. In Deutschland waren wir in diesem Jahr bereits für Badeseen in Bayern, Bremen und Niedersachsen tätig. Für den Medizinkonzern Braun Melsungen haben wir einen 3000 Quadratmeter-Teich gereinigt und sind selbstverständlich auch für Unternehmen in unserer Region tätig, zum Beispiel für die Autostadt und Bosch. Auch der Privatmann kann für Gartenteiche und Aquarien unsere Bakterien-Mischkulturen nutzen, da wir über unsere Vertriebspartner europaweit in über 2000 Baumärkten und Zoogeschäften vertreten sind. Wer aus der Region Braunschweig kommt und direkt bei uns kaufen möchte, wird nicht abgewiesen. Im Heim- und Hobbybereich sehen wir eine große Zukunft für unsere Produkte, da die Akzeptanz deutlich gestiegen ist.

wirtschaft: Wie viel verschiedene Produkte auf der Basis von Mikroorganismen haben Sie im Angebot?

Dr. Cordes: Gemeinsam mit unserem Vertriebspartner, die auch für Marketing und Design verantwortlich sind, bieten wir 10 verschiedene Produkte mit 30 Variationen an.

Unsere Produkte werden mit Erfolg auch in der Krabben-, Shrimps- und Fischzucht eingesetzt. Antibiotika sind nach der biologischen Wasserbehandlung meistens nicht mehr erforderlich und die Züchter berichten von einer deutlichen Ertragssteigerung.

wirtschaft: Ihr zweites Standbein sind die Enzyme, die auf den verschiedensten Gebieten zur Anwendung kommen.

Dr. Cordes: Oliven-Verarbeitern in Italien, Spanien und Nordafrika ist es mit unseren Enzymen gelungen, die Ölausbeute um bis zu 20 Prozent zu erhöhen.

Bei der Marmeladenverarbeitung helfen unsere Enzyme bei Zentis mit, die Extraktion des Zuckers und der Aromastoffe zu verbessern. Die Einsatzgebiete sind nahezu unbegrenzt. So sind wir seit einigen Jahren auch auf dem Gebiet der enzymatischen Bleiche von Textilien und Altpapier tätig.

wirtschaft: An welchen neuen Produkten arbeiten Sie gerade?

Dr. Cordes: Ein völlig neues Standbein, mit dem wir aber als erster Anbieter weltweit bereits erfolgreich sind, ist die Entrostung von Stahlteilen mit Hilfe der Biotechnologie. Dazu haben wir ein Tauchbad entwickelt, das biologische Komplexbildner enthält und bereits von drei Kunden eingesetzt wird. Im Gegensatz zu anderen hochgiftigen Behandlungsformen ist unser Verfahren sehr umweltfreundlich. Das unbenutzte Entrostungsbad könnten Sie vermutlich sogar trinken.

Als neuestes Produkt in diesem Bereich haben wir eine Entrostungspaste entwickelt. Derzeit laufen Verhandlungen mit einem weltweit agierenden Vertriebspartner, dieses Produkt zu vermarkten.

wirtschaft: Betreiben Sie auch Auftragsforschung?

Dr. Cordes: Seit einigen Jahren sind wir auch als Forschungsdienstleister sehr erfolgreich. Projekte, die wir für unsere Kunden im Auftrag durchführen, kommen z. B. aus den Gebieten Gewässer- und Bodensanierung, Verfahrensentwicklung für die chemische und Lebensmittelindustrie sowie dem Umweltschutz.

Die Mikroorganismen, die wir nicht nur in der biologischen Seenrestaurierung einsetzen, sondern auch zur Sanierung von mit Öl und anderen Schadstoffen belasteten Böden, sind gentechnisch nicht verändert, sondern ganz natürlich.

Im Laborbereich arbeiten wir jedoch auch mit verschiedenen gentechnisch veränderten Mikroorganismen. Zum Beispiel entwickeln wir derzeit ein Verfahren zur Herstellung pharmazeutisch wirksamer Stoffe aus gentechnisch veränderten Grünalgen.

Utopische Vorstellungen

wirtschaft: Welche Erfahrungen haben Sie mit Risikokapital-Gebern gemacht?

Dr. Cordes: Ich habe der Versuchung widerstanden. Das Unternehmen ist organisch gewachsen, ohne einen Cent Risikokapital.

wirtschaft: Sind sie grundsätzlich gegen Risikokapital?

Dr. Cordes: Nein, es kommt nur auf die Bedingungen an. Ich habe vor sechs Jahren bei drei Kapitalgebern mein Unternehmen sowie Businesspläne für die nächsten fünf Jahre vorgestellt. Alle hatten jedoch utopische Vorstellungen von der geplanten Jahresumsatzrendite. Ihre Erwartungen lagen bei bis zu 60 Prozent nach spätestens 5 Jahren, während meine Planungen realistischerweise nur 15 bis 20 Prozent hergaben.

wirtschaft: 60 Prozent sind eine hohe Hürde. Hat man Ihnen diese Zahl erläutert?

Dr. Cordes: Man erwartet, dass überhaupt nur zehn bis 20 Prozent der mit Risikokapital geförderten Unternehmen die Gewinnzone und nur weniger als 3 Prozent das hohe Umsatzrenditeziel erreichen.

wirtschaft   Halten Sie derartige Erwartungen für realistisch?

Dr. Cordes   Sie kennen doch das übliche Spielchen. Ich verspreche meinem Kapitalgeber das Blaue vom Himmel, auch wenn es wenig später korrigiert werden muss. Businesspläne sind geduldig. Da finden sich schon Argumente für eine Verdreifachung des Umsatzes. In den Jahren 1999/2000 wurde doch jeder, der das Wort "Gen" schreiben konnte, geradezu gezwungen, eine Firma aufzumachen. Aus der Sicht eines konservativ denkenden Unternehmens gibt es dafür nur ein Wort "abenteuerlich".

Einen weiteren negativen Aspekt sehe ich darin, dass die Kapitalgeber versuchen, das Unternehmen möglichst schnell an die Börse zu bringen. Der Ausgabekurs der Aktien basiert dann auf einer oft utopisch hohen Unternehmensbewertung. Entwickelt sich das Unternehmen dann nicht plangemäß, kommt es in der Folgezeit zu manchmal dramatischen Kursabstürzen, die dann natürlich auch die Kleinanleger zu tragen haben. Am Neuen Markt gab es in den vergangenen Jahren zahlreiche Beispiele hierfür. Aus meiner Sicht versuchen einige Venture Capital-Gesellschaften, ihr Finanzierungsrisiko durch diese Art der Vorgehensweise zu sozialisieren.

wirtschaft   Welche Netzwerke pflegen Sie in der Region Braunschweig?

Dr. Cordes   Es gibt Kontakte zu den Großunternehmen wie Volkswagen (Autostadt), der Salzgitter AG und Bosch, aber auch intensive Kooperationen mit mittelständischen Betrieben wie der Wäscherei Klink in Salzgitter-Lebenstedt, die unsere Enzyme zur Verbesserung der Textilbleiche einsetzt.

Selbstverständlich gibt es enge Kontakte zur GBF in Stöckheim, zur Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL) und zur TU Braunschweig, nicht zu vergessen das Technische Innovationszentrum Wolfenbüttel (TIW), wo wir unseren Sitz haben. Das Institut für Verfahrensoptimierung und Entsorgungstechnik der Fachhochschule (IVE) in Wolfenbüttel begleitet unsere Sanierungsprojekte messanalytisch und mit Professor Lawrenz planen wir, auf dem Gebiet der "Biosensorik im Kfz-Bereich" kooperieren.

Im Übrigen pflege ich natürlich meine Netzwerke als Sprecher der Fachgruppe Umwelt bei der BioRegioN.

wirtschaft   Wie würden Sie Ihre Firmenphilosophie umschreiben?

Dr. Cordes   Geld ist nicht alles. Genauso wichtig ist es, Projekte durchzuführen und Produkte zu entwickeln, die sinnvoll für Kunden, Gesellschaft und/oder Umwelt sind.

Man muss nicht jedes Geschäft machen, so wäre zum Beispiel die Entwicklung von biologischen Waffensystemen mit uns nicht möglich.

Die Fairness gegenüber Geschäftspartnern erscheint mir unerlässlich, wenn man langfristig auf dem Markt erfolgreich sein möchte.

Und natürlich gehören auch die Aspekte "absolut kundenorientiert, innovativ" zu unserem "Corporate design".

wirtschaft   Wie beurteilen Sie den TIW-Standort, wo früher die britischen Soldaten stationiert waren?

Dr. Cordes   Wir fühlen uns hier sehr wohl. Kürzlich machte Prof. Umbach, der Präsident der FH Wolfenbüttel den Vorschlag, auf dem asphaltierten Nachbargrundstück ein Biotop zu errichten, was wir natürlich sehr begrüßen würden. Und na ja, das ist doch klar: Die Wasserqualität wäre immer 1a. Der Firmensitz würde erheblich an Attraktivität gewinnen, nicht nur für unsere Gäste, sondern auch für unsere Mitarbeiter sowie die Studenten, die hier ihre Diplomarbeit schreiben.

wirtschaft   Sie haben sich 1991 zwar nicht in der viel besungenen Garage selbstständig gemacht, sondern in einem Kellerraum, einer ehemaligen Waschküche, wo Sie die ersten Enzyme produziert haben. Danach ging es zügig voran.

Dr. Cordes   Nach dem Umzug auf das Gelände der GBF wurden 1993 die ersten Mitarbeiter eingestellt. Am Standort Wolfenbüttel sind wir seit 2002 und beschäftigen heute 15 Mitarbeiter sowie zahlreiche Diplomanden und Aushilfskräfte.

Nach meinem Biotechnologie-Studium mit dem Nebenfach Brauerei- und Brennereitechnik in Berlin und der Promotion in Braunschweig habe ich 1986 das Angebot bekommen, ein biotechnologisches Unternehmen aufzubauen und war 1989 und 1990 Geschäftsführer der Braunschweiger Produktionsgesellschaft für Biotechnologie mbH.

Persönliche Fragen an Dr. Arno Cordes

1. Wie sieht die private Welt von Dr. Arno Cordes aus?

Dr. Cordes   Ich bin nun seit fast 25 Jahren glücklich verheiratet und habe drei Töchter, die 19, 22 und 24 Jahre alt sind. An der Unternehmensnachfolge ist allerdings keines meiner Kinder interessiert.
Nach Feierabend lebe ich in SZ-Üfingen, das ist neben SZ-Sauingen das sympathischste Dorf Deutschlands.

2. In Zeiten einer von den Deutschen so begeistert aufgenommenen Fußball-WM passt es natürlich hervorragend, einen zweimal in der Woche aktiv Fußball spielenden Unternehmer nach der Faszination dieser Sportart zu fragen.

Dr. Cordes   ...ja gut, Fußball ist natürlich eine wichtige Sportart für mich...(frei nach Rudi Völler), aber mal ernsthaft: neben dem gemeinsamen mannschaftlichen Kampf um den Ball fasziniert mich auch das Biertrinken, manchmal auch mehr als drei Weizen, mit Freunden nach dem Spiel.

3. Verraten Sie eine Marotte?

Dr. Cordes   in meiner Freizeit schreibe und produziere ich Musiktheaterstücke.

4. Sie lesen gern Science-Fiction-Literatur. Was ist es, was Sie daran so fasziniert?

Dr. Cordes   es macht mir Spaß zu lesen, wenn der heutige Kenntnisstand der theoretischen Physik in Büchern logisch und intelligent in technischen Fortschritt umgesetzt und interessant beschrieben wird. Weiterhin interessieren mich auch die in manchen SF-Büchern dargestellten gesellschaftlichen Strukturen.

Der Firmensitz auf dem Gebäude der Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel in Wolfenbüttel<br />Foto: Heinz Gramann<br /><br />ASA Spezialenzyme<br /><br />Mitarbeiter: 15, mittelfristig geplant 25<br />Branche: Biotechnologie<br />Standort: Wolfenbüttel (seit 2002)<br />Besonderheit: weltweit erster Anbieter bei der umweltfreundlichen Entrostung von Stahlteilen durch Biotechnologie<br />Forschungsanteil: 20 Prozent der Ausgaben<br />Geschäftsführer: Dr. Arno Cordes<br />gegründet: 1991

Weiterführende Links zu diesem Thema

Suchen mit Artikel-ID