Trotz Finanzkrise: Die Erfolgsgeschichte

Kurt Beilner (58) ist bereits seit 1974 in Berkhöpen tätig. 1993 übernahm er die Geschäftsführung.<br />Fotos: Heinz Gramann
Firmenchef Kurt Beilner (l.) und der Technologieexperte Dr. Thomas Kerk vor einem schwierigen Bohrfeld am Vesuv, wo alle 11 Bohrungen erfolgreich waren.

Trotz Finanzkrise: Die Erfolgsgeschichte geht weiter

Die Finanzkrise spitzt sich zu, der Ölpreis sinkt unter 70 Dollar je Barrel - trotzdem bleibt Kurt Beilner weiterhin optimistisch. Der Chef des Ölbohrdienstleisters Weatherford in Berkhöpen bei Peine rechnet kaum mit Beeinträchtigungen seines stark gewachsenen Betriebs. Dabei kann sich Beilner noch an ganz andere Zeiten erinnern.

Als die Preussag 1993 ihr Berkhöpener Erdöl- und Erdgasunternehmen verkaufte, glaubte kaum jemand an das Überleben des Betriebs, der bei einem Ölpreis von 10 Dollar mit 18 Mitarbeitern einen Umsatz von drei Millionen Mark erwirtschaftete. Heute beschäftigt das Unternehmen an diesem Standort, von dem aus sämtliche Weatherford-Aktivitäten in Kontinental-Europa geleitet werden, 140 Mitarbeiter und erzielt einen Umsatz von 50 Millionen Euro. Beilner rechnet nicht zuletzt durch die verstärkte Nutzung von Erdwärme in den nächsten Jahren mit zweistelligen Wachstumsraten.

wirtschaft   Herr Beilner, Weatherford gehört zu einem der vier größten Öldienstleister mit weltweit 40 000 Mitarbeitern. Der Hauptsitz befindet sich in Houston/Texas. Sie leiten von Berkhöpen aus die gesamten Aktivitäten in Kontinental-Europa. Was macht Sie trotz Finanzkrise und der Halbierung des Ölpreises so optimistisch?

Beilner   Wir sind in einem totalen Wachstumsmarkt tätig und rechnen nicht damit, das Aufträge storniert werden. Aufgrund der bestehenden Verträge sind wir im nächsten Jahr bereits zu 70 Prozent ausgelastet. Dies hängt natürlich auch mit unserer hervorragenden Marktstellung in Europa zusammen, wo wir in allen Bereichen zu den drei umsatzstärksten Anbietern gehören. Und wir sind fest entschlossen, uns weiter nach oben zu arbeiten.

wirtschaft   Welche Rolle spielt dabei der Ölpreis?

Beilner   Der Ölpreis steht für uns natürlich an erster Stelle und wir rechnen mittelfristig wieder mit steigenden Notierungen. Es sind ja nicht nur die Spekulationen, die den Ölpreis in die Höhe getrieben haben, sondern auch der steigende Energiehunger Asiens.

wirtschaft   Die Spezialität Ihres Unternehmens ist die Ausbeutung schwieriger Lagerstätten.

Beilner   Durch unsere Richtbohrtechnik sind wir in der Lage, sozusagen "um die Ecke zu bohren" und können dadurch alle Punkte, an denen der Geologe Öl vermutet, erreichen. Die Lagerstätten haben nämlich meistens die Form eines Marmorkuchens.

Durch das Verfahren lassen sich von einer Bohrinsel aus Löcher in verschiedene Himmelsrichtungen bohren, ohne das der Standort der Insel kostspielig verlagert werden muss. Auf diese Weise können zum Beispiel auch Lagerstätten unter einer Stadt oder unter Naturschutzgebieten genutzt werden. Bei einem Ölfeld am Vesuv waren von 11 Bohrungen alle erfolgreich. Ermöglicht wird die Richtbohrtechnik durch spezielle Geräte, die direkt am Bohrmeißel sitzen und mit denen wir den Meißel sozusagen steuern können.

wirtschaft   Glaubt man den Experten, ist das Ende des Erdöls noch lange nicht in Sicht.

Beilner   Der Ölpreis und die gestiegene Nachfrage machen es heute möglich, in Bohrtiefen von 6000 Metern vorzudringen. In meinem Büro hängt ein alter Stich von 1894 mit einer Vielzahl einfacher kleiner Bohranlagen. Früher nannte man die Gegend um Berkhöpen wegen der vielen oberflächennahen Ölvorräte auch "Little Pennsylvania". So einfach ist das heute natürlich nicht mehr. Aber durch den steigenden Ölpreis und die hervorragende Bohrtechnologie werden auch in Europa Tausende von vorhandenen Bohrlöchern wieder in Betrieb genommen, deren Ölvorräte nur zu 60 Prozent ausgebeutet worden waren.

wirtschaft   Ihr Aufgabengebiet hat sich in den letzten 10 Jahren deutlich verändert.

Beilner   Früher machten wir 90 Prozent unseres Umsatzes in Deutschland und 10 Prozent im übrigen Zentral-Europa. Heute ist es umgekehrt. Die größten Aufträge kommen aus Rumänien gefolgt von Ungarn und Russland.

wirtschaft   Wo liegen die Produktionskosten für einen Barrel Öl?

Beilner   In Saudi-Arabien bei unter 10 Dollar pro Barrel, in Niedersachsen, wo 90 Prozent des deutschen Öls gefördert werden, deutlich darüber.

wirtschaft   Welche Bedeutung hat für Ihr Unternehmen die zunehmende Nutzung von Erdwärme?

Beilner   Wir rechnen in den nächsten Jahren bei der Geothermie mit einer rasanten Entwicklung. 2003 hatten wir in diesem Bereich noch

"Die Erdwärme ist ein enormer Wachstumsmarkt"

keinen einzigen Auftrag, inzwischen machen wir damit dank der steigenden Energiepreise und der Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) bereits 10 Prozent unseres Umsatzes. Diese Entwicklung wird sich weiter beschleunigen. Wenn Sie mich fragen, werden wir bereits in fünf Jahren 50 Prozent unseres Umsatzes mit Bohrungen für Erdwärmeanlagen machen.

wirtschaft   An welchem aktuellen Projekt arbeiten Sie gerade?

Beilner   In Brandenburg ist eine Anlage geplant mit Bohrungen bis zu einer Tiefe von 4000 Metern.

wirtschaft   Am Flughafen Langenhagen in Hannover baut Weatherford ein neues Logistik-Center mit Lagerflächen für Werkzeuge, Materialien und Spezialgeräte, die für eine Tiefbohrung gebraucht werden.

Beilner   Wir benötigen für unseren Einsatz rund 100 verschiedene Geräte und Werkzeuge und greifen da natürlich auf das Zentrallager, das auch die Bohrstellen von Weatherford in Afrika und Asien versorgt, zurück. Für uns ist das optimal. Unsere Trucks fahren von Hannover aus mit dem Material ohne Zollprobleme direkt bis ans Schwarze Meer.

wirtschaft   Der Bedarf an qualifiziertem Personal wird weiter zunehmen.

Beilner   Wir haben einen erheblichen Bedarf an Tiefbohr- und Maschinenbau-Ingenieuren sowie Elektrotechnik-Spezialisten. Die führenden Universitäten für unseren Bereich sind Clausthal und Freiberg.
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Persönliche Fragen an Kurt Beilner
1. Was sagen Sie vor dem Hintergrund der Finanzkrise zu dem Börsenkurs von Weatherford?

Beilner   Die Kursverluste sind eine irrationale Übertreibung. Vor der Finanzkrise lag der Börsenkurs bei 50 Dollar und wir hatten in naher Zukunft sogar mit 100 Dollar gerechnet. Nun ist er auf 14 Dollar abgerutscht, ohne dass sich die Perspektiven des Unternehmens grundlegend verschlechtert haben. Im Gegenteil.
2. Wie sieht die private Welt von Kurt Beilner aus?
Beilner   Ich wohne mit meiner Frau in Rosental bei Peine. Unsere beiden Töchter leben heute in Bayern. Die eine ist als Rechtsanwältin, die andere als Ärztin tätig.
3. Wie halten Sie sich fit und welche Hobbys pflegen Sie?
Beilner   Wir sind gern mit dem Fahrrad unterwegs und lieben das Bergwandern im Harz und ab und an im Allgäu. Im Übrigen bin ich ein Fan von Henning Mankells Kommissar-Wallander-Krimis.
4. Pflegen Sie eine besondere Angewohnheit, eine Marotte?
Beilner   Seit 20 Jahren trifft sich unsere gesamte Familie beim Münchner Oktoberfest.
5. Welche Entwicklungen in der Politik und der Gesellschaft stören Sie derzeit besonders?
Beilner   Die immer weiter zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich, vor allem, dass von der wachsenden sozialen Kluft immer mehr Kinder betroffen sind.

Weatherford
Dienstleistung: Erschließung neuer Erdöl- und Gasvorkommen sowie Bohrungen für die Nutzung von Erdwärme
Spezialität: Ausbeutung schwieriger Lagerstätten durch Richtbohrungen
Standort: Berkhöpen bei Peine, Hauptsitz Houston/Texas
Mitarbeiter: 140
Umsatz: 50 Millionen Euro
Geschäftsführer: Kurt Beilner

Unser Bild entstand nicht in Pennsylvania, sondern in Berkhöpen bei Peine. Der Standort des Ölbohrspezialisten Weatherford ist umgeben von 20.000 Quadratmetern Buchenwald.<br />Fotos: Heinz Gramann

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