Röthele: „Der Standort Clausthal ist der Beste“

Röthele: "Der Standort Clausthal ist der Beste"

"Alles mit Maß!" steht über dem Eingang der neuen Betriebsstätte, die zwischen Ahorn-Alleen, Oberharzer Fichten und spiegelnden Wasserflächen am Rande von Clausthal-Zellerfeld in einem ehemaligen Bergbaugebiet liegt. Rund sieben Millionen Euro hat die Sympatec GmbH in den Neubau investiert. Das Unternehmen produziert Geräte zur Messung von Partikeln mittels Laserbeugung und gilt in Teilbereichen dieser Technologie als Weltmarktführer.

Mit Hilfe der mehr als 2000 Systeme aus dem Hause Sympatec, die weltweit im Einsatz sind, kann die Größenverteilung von Partikeln z. B. in Tabletten, Kaffeepulvern, Zement oder Autolacken geprüft werden. Das Clausthaler Unternehmen beschäftigt rund 100 Mitarbeiter und erzielt einen Umsatz von 15 Millionen Dollar. Wir sprachen mit Firmenchef Stephan Röthele, der mit viel Gespür für die Tradition des geschichtsträchtigen Standorts gemeinsam mit seinen drei Partnern Dr. Niebuhr, Dr. Kesten und Dr. Witt einen außergewöhnlichen Firmensitz geschaffen hat.

wirtschaft   Herr Röthele, der Standort Clausthal ist in der Partikel-Technologie wohl weltweit einer der führenden, wenn nicht die Nr. 1. Worauf beruht dieser einmalige Ruf von Clausthal?

Röthele   Einen guten Ruf erwirbt man sich mit vertrauensstiftender, solider Arbeit, die über einen ausreichend langen Zeitraum geleistet wird. Bergbau ist eine traditionsreiche, bodenständige Industrie, die in der Vergangenheit auch im Harz erfolgreich Arbeit für die Beschäftigten und Wohlstand darüber hinaus begründet hat. Eine moderne, abstraktere Variante des Bergbaus ist die Partikeltechnologie.
Der traditionell gute Ruf von Clausthal ist über Jahrhunderte mit dem Bergbau gewachsen und in den letzten Jahrzehnten im Harz vom Oberbergamt und von der TU Clausthal weitergeführt, mit anerkannt guter Lehre und Forschung lebendig erhalten, und mit zahlreichen Absolventen aus vielen Ländern in die ganze Welt getragen worden.
Speziell in dem von uns vertretenen Fachgebiet personalisiert sich das durch die Tätigkeiten namhafter Professoren und Wissenschaftlern aus der Technischen Universität in den einschlägigen Fachgremien, wissenschaftlichen Beiräten, Normenausschüssen, Programmkomitees, Standardisierungs-Organisationen bis hin zu Messe- und Konferenzleitungen in den wichtigsten Industrieländern der Erde. Dazu kommen teils über Jahrzehnte durchgeführte Weiterbildungskurse für Ehemalige und andere industrielle Anwender. Außerdem ist von Clausthal aus ein Fachverlag für unsere Branche weltweit tätig, und nicht zuletzt gibt es seit jetzt mehr als 20 Jahren auch Sympatec, die inzwischen in 35 Ländern vertreten ist und in 65 Länder der Erde ihre Instrumente liefert. Es ist gelegentlich ziemlich verblüffend, wenn man sich, wo immer, als Clausthaler zu erkennen gibt und ein fachlich geprägter Gesprächspartner bereits eine entwickelte Vorstellung bzw. Beziehung nach Clausthal spontan bekennt. Clausthal ist positiv besetzt in der ganzen Welt, soweit es den Bergbau und unser Fachgebiet betrifft.In der Region erlebt man das gelegentlich als verkehrte Welt, wie mit dem Propheten im eigenen Land. Hiesige Gesprächspartner sind z. B. regelmäßig überrascht, wenn ich zu bedenken gebe, dass Clausthal der einzige Standort in Südniedersachsen und wohl darüber hinaus ist, von dem aus man in alle Himmelsrichtungen starten kann, ohne dass einem ein Berg im Weg steht, im Gegenteil, es geht immer mit Schwung bergab. So wird das zu selten gesehen. Es kommt eben auf den Standpunkt an.
Und die Legende mit den 2 Wintersemestern verdeckt scheinbar originell, dass Clausthal tatsächlich die einzige Universität in Deutschland hat, die in einem Wintersportgebiet liegt, aber dazu einen zwar manchmal kurzen, aber einzigartigen Wiesenblütenfrühling, einen erträglichen Sommer mit herrlichen Badeteichen und immer einen goldenen Herbst zum inzwischen grenzenlosen Wandern in wunderbarer Natur bietet, bei bester Luft dazu. Überhaupt ist das Gefühl der Freiheit hier oben über die historischen Bergfreiheiten hinaus das vorherrschende Lebensgefühl, angereichert mit Weltoffenheit, gewachsen aus traditionell große Zahlen von Studenten aus der ganzen Welt und aus dem Bergbau als Disziplin, die noch nie an Grenzen halt gemacht hat.

wirtschaft   Vor dem Schritt in die Selbstständigkeit waren Sie als Forscher an der TU Clausthal tätig und wurden 1984 als erster Wissenschaftler mit dem IHK-Technologietransferpreis ausgezeichnet. Wie sieht die Zusammenarbeit mit der TU Clausthal heute aus?

TU als Nachwuchsschmiede

Röthele   Unsere Zusammenarbeit mit der TU ist durch ungebrochene Kontinuität geprägt. Wir arbeiten praktisch ständig mit mehreren Instituten an definierten Einzelprojekten, womit wir trotz einer eigenen, leistungsfähigen Entwicklungsabteilung die fehlende Forschungstätigkeit extern sicherstellen können.
Über diese Kooperationsschiene läuft naturgemäß auch der Personaltransfer, mit dem wir unseren Bedarf an hochqualifizierten Universitätsabsolventen befriedigen. Und dazu beschäftigen wir eine vergleichsweise große Zahl an Studenten. Natürlich achten wir darauf, dass sie ihr Studium nicht vernachlässigen. Aber wenn alles passt, kommen Studien- oder sogar Diplomarbeiten, dazu womöglich auch in einer unserer Tochtergesellschaften, z. B. in den USA, wo sich dann neben fachlicher Qualifikation auch Mobilitätsbereitschaft und Fremdsprachenfestigkeit beweisen und einstellen müssen. So schließt sich der Kreis zu den Instituten und der TU insgesamt als Nachwuchsschmiede, wobei wir natürlich enorm profitieren, aber auch aus TU-Sicht eine "win-win-Situation" empfunden wird.

wirtschaft   Sympatec gehört zu den so genannten "Hidden Champions", den "Geheimen Gewinnern". Wie schätzen Sie Ihre Marktposition ein?

Röthele   Es gibt etwa 10 Wettbewerber weltweit. Drei sind fast doppelt so lange am Markt, darunter der derzeitige Marktführer aus England sowie ein US-amerikanisches und französisches Unternehmen, die inzwischen allerdings weniger bedeutend sind. Von den sechs jüngeren Wettbewerbern sind zwei aus USA, drei aus Japan und ein weiterer aus Deutschland.

Weltmarktführer bei der Trockendispergierung

Wir beanspruchen die Position des Technologieführers und rangieren auch der Größe nach in der Spitzengruppe. Alle anderen Wettbewerber gehören zu Konzerngesellschaften, so dass alleine Sympatec noch in Privatbesitz ist. Das bietet strategische Vorteile, aber vermindert die kapitalgetragenen, schnellen Wachstumsmöglichkeiten, wenn man unabhängig bleiben will. Mit unserer Durchbruchinnovation haben wir eine anerkannte Alleinstellung bei der Trockendispergierung, die uns in bestimmten Branchen das Potential zur Marktführung gibt. Hier machen wir uns jetzt auf den Weg.

wirtschaft   Weltweit sind rund 2000 Systeme von Sympatec im Einsatz. In welchen Unternehmen und Branchen wird Ihre Technologie angewendet?

Röthele   Die Hauptanwendungsgebiete liegen im Bereich der Pharma-Industrie, der Chemie, im Zement, bei Pulverlacken, Lebensmitteln, Mineralischen Rohstoffen, Hochleistungskeramik, bei F&E-Anwendungen u. a.. Alle führenden Unternehmen aus diesen Branchen stehen auf unseren Referenzlisten.

wirtschaft   An welchen neuen Entwicklungen arbeiten Sie gerade?

Röthele   Seit mehreren Jahren lenken wir unsere Entwicklung auf die Anwendung unserer Technologie auch in der Produktionskontrolle bei den Herstellungsprozessen komplementär zu sehr erfolgreichen Qualitätskontrolle im Labor. Das gelingt inzwischen mehr und mehr, so dass unsere aktuelle Entwicklungstätigkeit sich auf neue Methoden konzentriert. Da ist zuerst die Bildanalyse zu nennen, mit der die Charakterisierung der Partikelgrößenverteilungen auf die Partikelform ausgedehnt wird. Bei feinsten Partikeln versuchen wir mit einem neuartigen Verfahren, das wir von der Fraunhofer Gesellschaft erworben haben, in den Nanobereich einzudringen. Dabei achten wir besonders darauf, dass jede unserer Lösungen auf signifikanten Leistungsmerkmalen aufbaut und unsere technische Führungsposition unterstrichen, möglichst sogar noch weiter ausgebaut wird.

wirtschaft   Ihr neuer Firmensitz, der vor wenigen Monaten eingeweiht wurde, steht mitten in einem ehemaligen Bergbaugebiet, das früher die ertragreichsten Gruben des Oberharzes "Dorothee" und "Caroline" beherbergte. Was hat Sie an dem neuen Standort besonders beeindruckt?

Röthele   Der erste Eindruck ist vor 30 Jahren entstanden, als wir auf dem ehemaligen Akademischen Sportplatz in einer herrlichen Waldlichtung vor allem Fußball gespielt haben. Als der Sportplatz im Zuge der Konversion das ehemaligen Bundeswehrgeländes von der TU aufgegeben wurde und eine erneute gewerbliche Nutzung möglich erschien, wollten wir das zunächst nicht glauben, haben aber gleichzeitig die einmalige Chance gesehen, uns dort eine besonderes markante "Corporate-Identity" zuzulegen, die sogar eine überzeugende Brücke zur herausragenden Bergbauvergangenheit schlagen ließ. Dazu kam die überraschende Gelegenheit, unserem Neubau den beziehungsreichen Namen "Pulverhaus" zu geben und damit sowohl der bergbaulichen Vornutzung als auch unserer Spezialität, der Trockendispergierung von Pulvern die Referenz zu erweisen.

wirtschaft   Das "Traumgrundstück" hatte allerdings einen Nachteil und das waren die Altlasten. Wie haben Sie das Problem gelöst?

Röthele   Mit Stehvermögen, Kreativität und viel Geduld in der Zusammenarbeit mit den Behörden und insbesondere der Samtgemeinde Oberharz, die die Grundstückssanierung letztlich mit nennenswerten Zuschüssen aus Brüssel für die Bergstadt Clausthal-Zellerfeld durchführte.
Die Genehmigungsbehörde konnte schließlich von einem unkonventionellen Sanierungskonzept überzeugt werden, so dass wir die etwas mehr als 3 Jahre Zeitverlust am Ende als unvermeidliche, aber gelungene Zusatzinvestition betrachten können, die uns mit den Verwahrungshalden für die Altlasten zwei neue, waldfreie Hügel und einen eigenen "Harzer Teich" beschert haben. Die Topographie des Grundstücks und das Ensemble aus unberührter Natur, denkmalgeschützten Bergbaurelikten und modernem Betriebsneubau ist dadurch optimal ergänzt worden. Wir hören viel Anerkennung und Akzeptanz gerade auch von Wanderern, die dem Goethe-Weg folgen und unvermutet am Pulverhaus vorbeikommen. Im Dezember ist bereits der erste Wanderführer erschienen, der das Pulverhaus als gelungene Überraschung zwischen Universität und Polsterberger Hubhaus vorstellt, mit typischer Zeichnung und treffender Beschreibung.

wirtschaft   Als markantes Merkmal des neuen Firmensitzes fällt dem Besucher sofort ein rund 30 Meter hoher Turm aus Stahl und Glas ins Auge und jeder stellt sich die Frage nach seiner Funktion.

Röthele   Die wirkliche Funktion erschließt sich erst, wenn man den Turm bestiegen hat. Bei schönem Wetter fällt natürlich zuerst die einmalige Aussicht über den ganzen Harz ins Auge und der Brocken dominiert im Osten. Beim zweiten Blick erkennt man aber das Einwurfsloch auf der oberen Plattform in den Fallschacht, mit dem wir spezielle Partikelversuche über eine Fallhöhe von bis zu 30 Meter planen. Wenn es so gelingt, wie wir uns das vorstellen, haben wir damit ein weiteres Herausstellungsmerkmal.

wirtschaft   An verschiedenen Stellen des neuen Gebäudes finden sich immer wieder Leitsätze aus dem Apollo-Tempel, dem Ort des Orakels von Delphi. Was hat es damit auf sich? Wie haben Ihre Mitarbeiter reagiert?

Röthele   Den für uns "maßgebenden" und auch doppelsinnigen Spruch über dem Eingang -"Alles mit Maß"-, den Sie ja in der Einleitung schon zitiert haben, hat mich auf die Spur der sieben vorsokratischen Weisheiten gebracht. Dabei hat sich gezeigt, dass alles, was man wissen muss, um eine innovative Unternehmung mit klassischer Orientierung auszustatten, schon vor mehr als 2500 Jahren den Vorsokratikern bekannt war. Und bei der Verzahnung mit dem architektonischen Konzept haben sich zur allgemeinen Verblüffung sieben ideale Positionen finden lassen, so dass wir im Pulverhaus ohne weitere Hinweisschilder auskommen und doch nicht die Orientierung verlieren.Die Mitarbeiter grübeln teilweise, wie der eine oder andere Satz auch noch doppelsinnig verstanden werden könnte. Aber wenn ich nicht dabei bin, erklären sie den neugierigen Besuchern die Bedeutung so überzeugend, dass viele insgeheim beschließen, sich um eigene Nachforschung und Interpretation zu bemühen, jeweils mit positiv sinnierendem Unterton - ein philosophisches "denk mal!" sozusagen.

wirtschaft   Sympatec verfügt weltweit über sieben Niederlassungen und zwölf "lokale Büros". Rund 80 Prozent der Aufträge kommen aus dem Ausland. Gerade ist wieder eine chinesische Delegation bei Sympatec. um sich bei Ihnen vor Ort zu informieren. Welches sind Ihre wichtigsten Zukunftsmärkte und wie schätzen Sie die Nachfrage in Deutschland ein?

Röthele   Unsere wichtigsten Märkte liegen selbstverständlich vor unserer Haustür, nämlich Deutschland und Europa. Wenn man mit Zukunftsmärkten Wachstumsregionen bezeichnet, dann muss man natürlich zuerst China und Indien nennen. Aber auch USA, Japan, Korea und Südamerika sind für uns Märke mit Wachstumspotential, da wir dort die heimischen Marktanteile noch nicht erreichen. Die Nachfrage in Deutschland ist seit Jahren mehr oder weniger stabil. Allerdings gibt es eine spürbare Entwicklung z. B. in der Großchemie, wo etwa Hoechst durch Mutation und Fusion unter französischer Kontrolle verschwunden ist und Bayer und BASF sich fast halbiert haben. Diese Entwicklung kann man nicht als Stärkung des deutschen Marktes uminterpretieren. Aber als Heimatmarkt behält Deutschland für uns herausgehobene Bedeutung, vor allem auch wegen der traditionellen Kompetenz in der Forschung an den zahlreichen Fachinstituten.

wirtschaft   Was macht den Wissens- und Technologietransfer aus der Forschung so schwierig? Schöpfen wir das Potenzial unserer Forschungslandschaft tatsächlich voll aus, um die Arbeitsplätze in den Zukunftsindustrien am Standort Deutschland zu erhalten?

Röthele   Mit Blick auf Sympatec hätte die Frage natürlich auch lauten können, was macht den Transfer so erfolgreich? Schwierig für uns war die Vielfältigkeit der Herausforderung. Aber insgesamt waren die Randbedingungen wohl doch so, dass es gelungen ist.
Aber die Potenziale insgesamt werden vermutlich lange nicht ausgeschöpft und die Randbedingungen sind heute eher schlechter als vor 20 Jahren. Wenn aber entschlossenes Wollen mit einer Innovation zusammentrifft, die Durchbruchpotential hat und dazu ausreichend Kapital gefunden werden kann, dann sollten Risiko und Chancen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Die Kapitalfindung ist sicherlich das Schwierigste und die gesellschaftliche Akzeptanz für wirtschaftlichen Erfolg kann auch besser werden. Die neuesten Regelungen zur Patentverwertung in den Hochschulen tragen zwar der politischen Idee von den "Rohstoffen in den Köpfen" Rechnung und verbessern zunächst die Patentstatistiken. Die Umsetzung wird durch die neuen Eigentumsverhältnisse aber erschwert, da der wichtige und selektive Selbstbeteiligungseffekt der Urheber, jetzt vom Selbstbedienungsgedanken der Öffentlichen Hand am geistigen Eigentum der Erfinder dominiert wird. Sympatec wäre unter diesen Bedingungen nicht entstanden.

wirtschaft   Was tun Sie für Ihre eigene Weiterbildung?

Röthele   Ich konzentriere mich bei der Weiterbildung auf Marketing und strategische Aspekte und da in der nächsten Dekade der Generationswechsel im Unternehmen ansteht, interessieren mich Seminare, die das Thema "Unternehmensnachfolge" aus unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchten.

wirtschaft   Immer wieder wird behauptet, der Harz verkaufe sich unter Wert. Teilen Sie diesen Eindruck?

Im Harz fehlen touristische Leuchttürme

Röthele   Der Harz wird von vielen offensichtlich missachtet und gering geschätzt, weil die Highlights des Mittelgebirges zu wenig bekannt sind. Der Harz ist tatsächlich nicht einfach zu vermarkten. Ursprünglich ist er als die klassische Sommerfrische bekannt geworden und im Zuge des aufkommenden Wintersports hat er wiederum den Norddeutschen Großstädtern bis hin nach Berlin eine reizvolle Abwechslung geboten. Durch die politische Randlage und geteilt von der Zonengrenze hat der Harz für nahezu zwei wenn nicht drei Generationen massive touristische Investitionsdefizite erlitten.
Die Belebung nach der Wiedervereinigung hat natürlich nicht gereicht, das große Loch aufzufüllen, zumal das Ferienverhalten der ehemaligen Klientel sich innerhalb der letzten 50 Jahre grundlegend verändert hat. Jetzt zeigt sich dazu, dass die enormen Subventionen im Ostharz dem weiterhin vernachlässigten Westharz sogar die frühere, treue Kundschaft abspenstig macht. Hier fehlen touristische Leuchttürme, wie z. B. ein über das Fernsehen bundesweit ausstrahlender Wintersport-Weltcup gleichgültig ob im Skispringen, Bobfahren, Rennrodeln, Langlauf, Biathlon oder gar ein Harz-Marathon und ein Mountainbike-Cup im Sommer. Die Ansätze, die gemacht werden, sind auch nicht ambitioniert genug und genügen sich mit regionaler Ausstrahlung, die wiederum bedroht ist von der Skihallenkonzeption der Autostadt Wolfsburg, so dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis selbst die Winterkompetenz in der überregionalen Wahrnehmung eher bei VW als im Harz gesehen wird.
Die Harzer Highlights sind naturgemäß schwer planbar, weil der hiesige Zauber sich regelmäßig hinter andernorts als schlechtem Wetter empfundenen Umständen entfaltet. Wenn der Nebel sich hebt, der Regen abklingt oder heftiger Schneefall strahlender Sonne weicht, dann muss man hier leben, um die schönsten Momente in ihrer Einmaligkeit zu erfahren.Den Harz kann man nicht flächendeckend bewerben, so lange massive Investitionsdefizite nicht behoben sind. Man muss den Harz punktuell beleben und seine vorhandenen Stärken gezielt ausbauen. Am schnellsten und nachhaltigsten kann das z. B. mit drastisch erhöhten Studentenzahlen gelingen. Daraus werden lösbare Probleme entstehen und eine neue Dynamik mit Aufbruchstimmung kann unmittelbar einkalkuliert werden. Ich kenne keine Studenten, Wissenschaftlicher, Touristen oder andere Besucher, auch unsere Kunden und Mitarbeiter aus aller Welt, die einmal richtig hier gewesen, nicht die Sehnsucht des Wiederkommens mitgenommen haben.

wirtschaft   Herr Röthele, Sie sind in der Pfalz geboren und aufgewachsen. Was hat Sie nach Clausthal geführt?

Röthele   Nach meinem Studium an der TH Karlsruhe (Universität) wurde ich wissenschaftlicher Mitarbeiter am berühmten Institut für Mechanische Verfahrenstechnik von Professor Rumpf in der Abteilung von Professor Leschonski. Als der einen Ruf 1971 nach Clausthal bekam und er mir die Stelle eines Oberingenieurs anbot, habe ich keinen Moment gezögert, insbesondere weil ich wusste, dass Clausthal eine TU in einem Wintersportgebiet war. Skifahren als Option war für unsere Familie immer schon eine wichtige Entscheidungshilfe. Inzwischen kommen schon unsere Enkel so oft wie möglich hierher, um genau das zu lernen und mit uns fröhlich zu praktizieren. Im Übrigen ist im Harz natürlich die Welt noch in Ordnung. Das Umfeld ist ideal für Familien mit Kindern. Man findet hier flächendeckend von gut bestückten Kindergärten bis hin zur Universität alle Schultypen mit engagierten Lehrern, denen die Ausbildung und Entwicklung der Kinder und Studenten am Herzen liegt.

Odyssee in Südniedersachsen

wirtschaft   Auf einen kurzen Blick in die Geschichte Ihres Unternehmens sollten wir nicht verzichten.

Röthele   Mit dem Ende der Gruppenuniversität in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre habe ich meinen "Marsch aus den Institutionen" begonnen und mich selbständig gemacht, zuerst als wissenschaftlicher Projektleiter beim BMFT im Rahmen von drei Großprojekten, mit denen neue, patentierte Sortiertechnologien in die praktische Realisierung begleitet wurden. Meine ausgeprägte Anwendungsorientierung führte parallel zur Gründung meines Ingenieurbüros, mehrerer Einzelfirmen mit meinen heutigen Partnern und kumulierte 1984 mit der Gründung der Sympatec GmbH System-Partikel-Technik, in der alle gewerblichen Aktivitäten mit Hilfe von Schweizer Risikokapital gebündelt wurden. Der industrielle Hauptgesellschafter RIETER AG aus der Schweiz verstärkte sein Engagement durch die Unterbringung der Sympatec am ersten Firmensitz in Remlingen, bei dessen Tochter MAREM, die auch die Mechaniken der Instrumente beistellte. Nach Überwindung der schwierigen Gründungs- und Startphase wurde versucht, den Firmensitz Ende der achtziger Jahre von Remlingen unter Hinzunahme der TU-nahen Sympatec-Aktivitäten im Technologiezentrum in Clausthal (TECLA) nach Goslar in das Küchengebäude am Rammelsberg zu verlegen. Allerdings scheiterte der endgültige Ansiedlungsversuch am Denkmalschutz, so dass die Technik im neuen Unternehmenspark Goslar (UPG) unter der Leitung des Prokuristen und Technischen Leiters Dr. Wolfgang Witt unterkam und die Geschäftsleitung zusammen mit Verkauf, Labors und Kundendienst im TECLA in Clausthal als nächstem Firmensitz verblieb. Rasches Wachstum in der letzten Dekade des 2. Jahrtausends brachte die Sympatec an beiden Orten schnell an die Grenze der jeweils gegebenen Möglichkeiten. Ein endgültiger Standort wurde seit 10 Jahren gesucht, vor 5 Jahren gefunden und jetzt sind wir endlich nach unserer Odyssee in Südniedersachsen im Pulverhaus in Clausthal angekommen.

Persönliche Fragen an Stephan Röthele

1. Wie sieht die private Welt von Stephan Röthele aus?

Röthele   Meine private Welt ist unvermeidlich und zwangsläufig heftig von Sympatec beeinflusst. Meine Fitness habe ich in den letzten beiden Jahren praktisch ausschließlich durch den Doppeltrapp im Tagesgeschäft und rund um und im Neubau des Pulverhauses aufrechterhalten können, was erfreulicherweise schlank macht.

Sonst reisen wir, meine Frau und ich, gerne in die Natur, bevorzugt nach Afrika, jenseits des Tourismus in den Reservaten auf nicht ausgefahrenen, aber doch vorgetrampelten Pfaden, oder wir tauchen im Herbst rund um eine der vielen schönen Inseln im Indischen Ozean.

Wir mögen das Skifahren, wenn es am schönsten ist, also Langlauf im Harz in den frisch gefallenen Schnee und Abfahrtslauf in den Alpen an Weihnachten immer oder in den Osterferien am liebsten mit der ganzen Familie, die in den letzten Jahren durch Schwiegerkinder und doppelt so viele Enkelkinder zweistellig geworden ist. Das ist die größte Quelle für stete Lebensfreude.

Golf spielen wir, sobald der Schnee verschwunden ist, womöglich auch mit den Kindern

Ich versuche auch das Studium von Sachbüchern (Björn Lomborg: "Apokalyse NO!") und im Urlaub pflege ich philosophische Lektüre zur Anreicherung der aktuellen Weltsicht mit bewährten Erkenntnissen, die über die Aktualität des Tages, ja des eigenen Lebens hinausreichen.

Das Bedürfnis zur Kontemplation mit mehr Kunst und Kultur wächst zurzeit noch schneller, als das Jahreszeitbudget es hergibt. Dabei versuche ich mich so zu organisieren, dass ich immer Zeit habe. Aber das vermeintlich nahe liegend Wichtige dominiert noch regelmäßig.

Interesse für die Region wächst bei mir neu aus den aktuellen Erfahrungen der Konfrontation mit der Bergbauhistorie auf unserem neuen Betriebsgelände. Verstärkt wird das aus unserer geschäftlichen Tätigkeit rund um die entsprechenden Fachgebiete der Technischen Universität und als Folge der neuen Aktivitäten im Stadtmarketing schließt sich der Kreis zu den Einrichtungen der Samtgemeinde Oberharz mit deren aktuellen Sorgen und Nöten ebenso wie zu den lokalen Institutionen, die die gewachsenen Traditionen pflegen.

2. Seit 14 Tagen versinkt der Oberharz im Schnee. Nutzen Sie im Winter die Gelegenheit, Ski zu laufen?

Röthele   Eigentlich bin ich ja genau deswegen im Harz. Die Langlauf-Loipe in Richtung Bad Grund führt nicht weit an meinem Haus vorbei, so dass gelegentlich auch in der Mittagspause eine schnelle Runde drin ist.

3. In Ihrem Büro sitzt ein schweigsamer Buddha, der eine große Ruhe ausstrahlt. Welche Bedeutung hat die Statue?

Röthele   Der Buddha ist ein Geschenk meiner Frau zum Einzug in das Pulverhaus. Ihm ist die Aufgabe zugedacht, mich stets daran zu erinnern, mich nicht so wichtig zu nehmen.

4. Sind die kritischen Töne zum Standort Deutschland, die man derzeit so häufig hört, berechtigt?

Röthele   Ich erinnere mich an kritische Töne seit Beginn meiner unternehmerischen Tätigkeit. Ein nennenswerter Teil scheint demnach zur bundesdeutschen Befindlichkeit zu gehören, ebenso wie zum Ritual des institutionalisierten Verteilungskampfes. Bedenklich nach mehr als 25 Jahren muss aber stimmen, dass der Eindruck sich verfestigt:

  1. So wie bisher geht es nicht weiter;
  2. Alles, was getan werden müsste, ist bekannt,
  3. Im Wesentlichen geschieht aber nichts!

Das ist der Moment, wo man die gebotenen Änderungen im Rahmen der eigenen Möglichkeiten selbst in die Hand nehmen darf und nicht länger darauf warten sollte, was der Staat für uns tun kann, sondern selbstkritisch sich zu fragen, was wir für die Gesellschaft tun können. Das wir natürlich nicht zuletzt auch für die Handlungsträger irgendwann positive Wirkung entfalten, spätestens für deren Kinder hoffentlich. Je länger man wartet, umso mehr steigt der Druck. Mühsam und anstrengend wird es ohnehin für alle. Es ist und bleibt die Stunde der Selbständigen und Unternehmer.

Das Unternehmergespräch mit Dipl.-Ing. Stephan Röthele war Titelstory der ihk wirtschaft 03/2005

Nachtrag:

High-Tech-Unternehmen als Brücke zur herausragenden Bergbauvergangenheit: Das neue "Pulverhaus"<br /><br />Foto: Stefan Hänsen

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Ansprechpartner


Dipl.-Ing., Dipl.-Wirtschaftsing. Peter Peckedrath

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