Gleitlager für die Queen Mary II

Dr. Ulrich Engel
„Große Dieselmotoren für Containerschiffe haben nicht selten die Dimension eines 3-stöckigen Mehrfamilienhauses“, sagt Geschäftsführer Dr. Ulrich Engel und verweist darauf, dass die dafür erforderlichen Gleitlager über einen Durchmesser von mehr als einen Meter verfügen.<br /><br />Foto: Okerland Archiv

Gleitlager für die Queen Mary II

Nicht nur der Luxus-Liner Queen Mary II wird von einem Dieselmotor mit Gleitlagern aus Braunschweig bewegt. Die Zollern BHW Gleitlager GmbH & Co. KG gehört zu den drei größten Herstellern von Gleitlagern und ist bei Dieselmotoren für Container- und Kreuzfahrtschiffe weltweit die Nr. 1. Das Unternehmen hat im März den höchsten Monatsumsatz und das beste Betriebsergebnis in der Firmengeschichte erzielt. Die weltweite Nachfrage ist geradezu explodiert, das Auftragspolster könnte kaum größer sein. Am Stammsitz in Braunschweig sind heute 380 Mitarbeiter beschäftigt, weitere 110 in Osterode. Der Umsatz, den Geschäftsführer Dr. Ulrich Engel (61) mit 50 Millionen Euro beziffert, wurde ausschließlich mit Gleitlagern erzielt. Nur durch sie kann auch die Kurbelwelle ihre Arbeit verrichten.

wirtschaft: Herr Dr. Engel, vor zehn Jahren stand das Braunschweiger Hüttenwerk (BHW) am Abgrund und kämpfte nach verlustreichen Jahren um das Überleben. Heute steht das Unternehmen blendend da. Was hat sich seither geändert?

Dr. Engel: Wir haben das Unternehmen komplett restrukturiert, mit Detailverbesserungen auf allen Ebenen. Außerdem verfügen wir über einen hochmodernen Maschinenpark, so dass wir trotz Globalisierung aufgrund unserer guten Produktivität wettbewerbsfähig sind. Gleichzeitig hat sich die Nachfrage nach Dieselmotoren für Container- und Kreuzfahrtschiffe - Bereiche, in denen wir weltweit stark sind - in den letzten 10 Jahren verfünffacht.

wirtschaft: Sie wollen in den nächsten Monaten nicht nur weitere Facharbeiter einstellen, sondern sind auch in der Kooperationsinitiative Maschinenbau (KIM) das Unternehmen, von dem die Kooperationspartner durch zusätzliche Aufträge am meisten profitieren. Wie würden Sie Ihr Erfolgsrezept umreißen?

Dr. Engel: Wie ich gerne ausdrücke, verfügen wir über 2,5 Kernkompetenzen, , um deutlich zu machen, dass es eben nicht nur die Präzision bei der Bearbeitung der Werkstücke ist. Das können andere ähnlich gut. Viel wichtiger ist unsere langjährige Erfahrung mit den Werkstoffen im Zusammenspiel mit unserem Know how, wie ein Gleitlager für einen bestimmten Motor aussehen muss. Viele Unternehmen sind nur deshalb in die Insolvenz geraten, weil sie außer dem eigentlichen Fertigungsprozess über keine weitere Kernkompetenz verfügten.

wirtschaft: Wie sieht Ihre Strategie für die nächsten Jahre aus? Rechnen Sie in den Bereichen Schiffsbau und Kraftwerksbau weiterhin mit einem so stürmischen Wachstum wie bisher?

Dr. Engel: Die Nachfrage nach Containerschiffen wird wohl wenigstens noch zwei Jahre anhalten und auch die Tankerflotte auf den Weltmeeren ist bereits in die Jahre gekommen, so dass es einen erheblichen Nachholbedarf geben wird. Wir konzentrieren uns aber auch auf neue Wachstumsfelder wie den Energiemarkt, zum Beispiel auf Gleitlager für Gas-, Dampf- und Wasserturbinen, die wir in Osterode produzieren.

wirtschaft: Auch für den Stammsitz in Braunschweig gibt es Erweiterungspläne.

Dr. Engel: Wir stellen nicht nur neue Mitarbeiter ein, sondern investieren auch 1,7 Millionen Euro in eine Betriebserweiterung. Ermöglicht wird dies durch den Erwerb eines 10 000 Quadratmeter großen Nachbargrundstücks von der Stadt Braunschweig. Es geht dabei zunächst um die Errichtung eines neuen Mitarbeiterparkplatzes und einer rund 1500 Quadratmeter umfassenden Fabrikationshalle. Die Baugenehmigung lässt aber eine spätere Erweiterung der Hallenfläche auf insgesamt 6000 Quadratmeter zu.

wirtschaft: Der Export hat für Ihr Unternehmen eine hohe Bedeutung. Welche Länder stehen dabei im Vordergrund?

Dr. Engel: Über 40 Prozent des Umsatzes machen wir heute mit der EU und anderen europäischen Ländern. Über 20 Prozent gehen nach Asien, ein Markt, dessen Bedeutung weiter zunehmen wird. Die USA spielen mit ca. 1 Prozent kaum eine Rolle, da die Risiken für ein mittelständisches Unternehmen nicht überschaubar sind. Ich verweise nur auf das sehr rigide Produkthaftungsrecht. 35 Prozent der Nachfrage kommen aus Deutschland. Da aber die Mehrzahl der fertigen Motoren ebenfalls ins Ausland geht, dürfte unser Exportanteil wohl bei 95 Prozent liegen.

wirtschaft: In welchen asiatischen Ländern sind Sie derzeit besonders aktiv?

Dr. Engel: In Südkorea, gefolgt von China und Japan. Das koreanische Unternehmen Hyundai baut jedes Jahr mehr als 150 Schiffe und die Zusammenarbeit ist im höchsten Maße professionell. Es gibt weltweit keine andere Werft für Handelsschiffe, die so modern organisiert und ausgestattet ist. Aber: Die Koreaner ahnen bereits, dass sie diesen Markt wohl in einigen Jahren an die Chinesen verlieren werden.

wirtschaft: Sie haben sich in den letzten Jahren sehr um die asiatischen Märkte bemüht, was für ein mittelständisches Unternehmen nicht so einfach ist. Ist eine eigene Fertigung in China für Sie vorstellbar?

Dr. Engel: Ehe wir den Markt dort verlieren, werden wir diesen Schritt wohl irgendwann tun müssen. Diese Entscheidung wollen wir aber solange wie möglich hinauszögern und die Arbeit in Deutschland halten. Dies wird aber nur möglich sein, wenn wir den heute noch sehr hohen Lohnkostenanteil von über 40 % deutlich reduzieren. Hier sind wir aber auf dem richtigen Weg.

wirtschaft: Wie sehen Ihre Erfahrungen in Japan aus?

Dr. Engel: Der japanische Markt ist derzeit geprägt durch eine sehr hohe Nachfrage, die uns die zusätzliche Chance, weitere Aufträge zu akquirieren, eröffnet. Japanische Unternehmer sind in ihrem Denken und Handeln noch konservativer als deutsche. Wenn sie mit ihrem Geschäftspartner positive Erfahrungen gemacht haben, darf man sich aber auf eine langfristige Geschäftsbeziehung freuen. Bis dahin dauert es allerdings lang.

wirtschaft: Herr Dr. Engel, Sie sind ein guter Kenner Chinas und haben kürzlich einen Vortrag gehalten mit dem Titel "China, ein Riese erwacht". Wird die Entwicklung in China nicht allgemein überschätzt?

Dr. Engel: Die Chinesen werden sich trotz aller Schwierigkeiten - 50 verschiedene Sprachen, 50 verschiedene Volksgruppen - kaum bremsen lassen. Noch vor 20 Jahren war China ein rechtsfreier Raum. Ein Rechtssystem mit klaren Regeln muss sich erst entwickeln. Insofern ist es kaum verwunderlich, dass die Chinesen Patentrechte einfach ignorieren.

Die Ideale des großen chinesischen Lehrers Konfuzius spielen nach wie vor eine wichtige Rolle, vor allem das Bedürfnis nach Harmonie. Wenn Sie gegen einen Chinesen vor Gericht ziehen, haben Sie für immer verloren. Das wichtigste in China sind Zeit und Geduld. Am besten ist es, wenn Sie das Vertrauen eines Chinesen gewinnen, der in ein Netzwerk eingebunden ist.

Ich bin immer wieder fasziniert, in welchem atemberaubenden Tempo sich die Entwicklung vollzieht und mit welcher hervorragenden Qualität hier gearbeitet wird, etwa beim Bau der Autobahnen. Da kommen wir in Deutschland nicht mit.

wirtschaft: China ist heute durch seine enorme Exportkraft der größte Gläubiger der USA. Welche Risiken sind mit dem rasanten chinesischen Wirtschaftswunder verbunden?

Dr. Engel:

Risiko Nr. 1: Die Regierungsstrukturen zerbrechen. China ist im Grunde genommen ein kapitalistisches Land mit einer dominanten Zentralregierung, zu der es keine praktikable Alternative gibt. Demokratische Strukturen nach unserem Verständnis würden höchst wahrscheinlich zu einem Chaos führen.

Risiko Nr. 2: Der Kollaps des Sozialsystems. Das Gefälle zwischen Arm und Reich ist groß.

Risiko Nr. 3: Die Alterspyramide durch die 1-Kind-Politik der letzten Jahrzehnte. Es wachsen zu wenige nach.

Risiko Nr. 4: Der Rohstoffhunger. Ein Chinese verbraucht derzeit nur 5 Prozent der Energie, die ein Amerikaner benötigt. Sollte sich der Energiebedarf nur knapp verdoppeln, so wird das vermutlich zu einer weltwirtschaftlichen Krise führen.

wirtschaft: Es liegt Ihnen sehr daran, Herr Dr. Engel, dass alle Beschäftigten über die Entwicklung des Unternehmens gut informiert sind.

Dr. Engel: Der Betriebsratsvorsitzende verfügt über das gleiche Reporting wie ich. Wir gehen mit den Informationen und Kennzahlen sehr offen um und bekommen dadurch aus dem Kreis der Mitarbeiter gute Anregungen, ja wir werden geradezu dazu aufgefordert, bestimmte Investitionen in Angriff zu nehmen.

Wir wollen unseren Mitarbeitern langfristige Perspektiven bieten.

wirtschaft: Die Tarifverhandlungen gehen in die entscheidende Phase. Wie würden Sie reagieren, wenn Zollern BHW von der IG Metall als Streikbetrieb ausgewählt werden würde.

Dr. Engel: Wir gehören zu den wenigen Arbeitgebern der Region, die neue Arbeitsplätze im Metallbereich schaffen. Sollten wir bestreikt werden, geht es nicht nur darum, dass wir Aufträge nicht rechtzeitig ausliefern können, sondern wir würden dadurch auch Folgeaufträge verlieren. Wenn wir bestreikt werden, kann ich keine neuen Mitarbeiter einstellen, denn das Risiko, sie auf Dauer beschäftigen zu können, wird zu groß.

wirtschaft: Seit 2002 produzieren Sie auch im ehemaligen Panasonic-Werk in Osterode, das über eine Betriebsfläche von über 10 000 Quadratmetern verfügt.

Dr. Engel: In Osterode produzieren wir mit 110 Mitarbeitern überwiegend Maschinenbau-Lager und hydraulische Komponenten. Hier haben wir noch erhebliche Entwicklungsmöglichkeiten. Der neue Standort in Osterode war notwendig, weil wir in unserer Betriebsstätte in Wildemann keine Erweiterungsmöglichkeiten hatten, so dass wir den Betrieb verlagern mussten. Nur so war auch 2003 die Übernahme eines kleineren Wettbewerbers in Herzberg möglich.

wirtschaft: Herr Dr. Engel, Sie haben vor knapp 10 Jahren die Übernahme durch die Fürstlich Hohenzollernschen Werke Laucherthal eingefädelt. Davor gehörte das Unternehmen zur Glyco GmbH, die sich wiederum im Besitz der amerikanischen Federal Mogul Corporation befand.

Dr. Engel: Die 1997 erfolgte Übernahme durch Zollern war eine äußerst wichtige Weichenstellung für die erfolgreiche Unternehmensentwicklung. Seitdem wird das bei uns verdiente Geld in Wachstum und Arbeitsplatzsicherung investiert.

Persönliche Fragen an Dr. Ulrich Engel

1. Wie sieht die private Welt von Dr. Ulrich Engel aus?

Engel: Meine Frau und ich wohnen in unserem Haus mit großem Garten in ländlicher Umgebung. Unsere 2 Kinder sind seit langem nicht mehr im Haus und inzwischen selbst verheiratet. Wenn unsere 3 Enkel zu Besuch sind, wird es ungewohnt lebhaft. Dies genießen wir sehr.

2. Ihre Begeisterung für das Skifahren hat Sie bereits dreimal zum Helicopter-Skiing nach Kanada geführt. Was tun Sie normalerweise, um fit zu bleiben?

Engel: Kanada war natürlich etwas ganz Besonderes, ein Abenteuer sozusagen. Normalerweise bin ich in schneereichen Wintern, wie in diesem Jahr gemeinsam mit meiner Frau, gern mit Langlauf-Skiern im Harz unterwegs. Die Loipe "Auf dem Acker" gehört zu meinen Lieblings-Strecken. Im Sommer nutze ich einen in unmittelbarer Nähe unseres Wohnhauses gelegenen Badesee zum morgendlichen Bad. Wunderbar abschalten kann ich auch, wenn ich mit dem Rennrad im Elm unterwegs bin.

3. Verraten Sie eine Marotte?

Engel: Ich esse gern englisches Weingummi.

4. Was würden Sie gerne noch lernen?

Engel: Man kann ein Land, seine Menschen und ihre Kultur nur verstehen, wenn man auch Grundbegriffe der Sprache versteht. Also: Sprachen lernen und dann in fremde Länder reisen.

5. Es wird immer wieder berichtet, dass in vielen Betrieben kaum noch Mitarbeiter beschäftigt werden, die über 50 sind. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Engel: Völlig unverständlich und äußerst fragwürdig. Ich habe in den letzten Jahren einen Personalchef, eine Controllerin und 2 Ingenieure eingestellt, die alle über 50 sind. Mit dieser Entscheidung bin ich sehr zufrieden, da jeder eine Menge Erfahrung mitgebracht hat. Eine gute Mischung aus etwas älteren und jüngeren Mitarbeitern ist aus meiner Sicht der Idealfall.

Titelbild der ihk wirtschaft 05/2006: Die Gleitlager für den Dieselmotor des Luxus-Liners Queen Mary II kommen aus Braunschweig. Dr. Ulrich Engel, Geschäftsführer von Zollern BHW, freut sich über eine geradezu explodierende weltweite Nachfrage<br /><br />Foto: Okerland Archiv

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