Biobase: Mit Bio-Datenbanken weltweit Nr. 1

Professor Dr. Edgar Wingender (oben) und Michael Tysiak. Biobase ist mit Bio-Datenbanken weltweit die Nr. 1

Biobase: Mit Bio-Datenbanken weltweit Nr. 1

Nach einem Labor sucht man bei Biobase in Wolfenbüttel vergeblich. Der heute weltweit größte Anbieter von biologischen Datenbanken ist ein reiner Content Provider, der in den letzten Jahren eine fulminante Entwicklung hingelegt hat. In einer Rangliste der am schnellsten wachsenden deutschen Technologie-Unternehmen belegte Biobase in der Zeit von 1999 bis 2003 mit einem Wachstum von über 2000 Prozent den 5. Platz. Und der Höhenflug geht weiter: Durch die Übernahme des doppelt so großen amerikanischen Unternehmens Proteome steigt der Umsatz um weitere 200 Prozent. In diesem Jahr rechnen die beiden Firmenchefs Professor Edgar Wingender und Michael Tysiak mit einem Gesamtumsatz von 6 Millionen US-Dollar. Die Zahl der Mitarbeiter stieg von 23 auf 66.

wirtschaft   Herr Professor Wingender, Übernahmen deutscher Biotech-Unternehmen durch Amerikaner sind nichts Außergewöhnliches. Sie haben den Spieß jetzt umgedreht und das US-Unternehmen Proteome übernommen, um weiter zu wachsen und ihre Marktstellung auszubauen. Welche Vorteile ergeben sich für Biobase durch die Übernahme?

Erhebliches Potenzial

Wingender   Sowohl auf der Seite der Produktentwicklung als auch beim Marketing ergeben sich zahlreiche Synergien. Die Proteome - Datenbanken sind von ihrer grundsätzlichen Philosophie, ihrem wissenschaftlichen Ansatz und der hohen Qualität ihrer Inhalte mit unseren Datenbanken absolut vergleichbar, hatten aber von Anfang an einen etwas anderen inhaltlichen Fokus und sind daher eine perfekte Ergänzung zu unseren eigenen Produkten. Auf dem Markt haben sich bereits erste Synergieverkäufe ergeben, bei denen den Kunden schnell klar war, dass die vereinigten Produkte weit mehr als die Summe ihrer Einzelteile darstellen. Das hat uns zum Marktführer im Bereich biologischer Datenbanken gemacht, sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht.
Darüber hinaus hat man auf dem US-amerikanischen Markt immer einen Vorteil, wenn man als amerikanisches Unternehmen auftreten kann. Unser Standort in Beverly bei Boston (Massachusetts) hilft uns hierbei enorm.

wirtschaft   Welchen inhaltlichen Schwerpunkt haben ihre Datenbanken?

Wingender   Das traditionelle Portfolio von BIOBASE beschäftigt sich mit Informationen über zelluläre Prozesse, etwa den Vorgängen, die die Aktivität einzelner Gene unter bestimmten Bedingungen an- oder abschalten, etwa im Falle bestimmter Krankheiten. Wir haben uns dabei stark auf die Informationen konzentriert, die zur Beschreibung dieser Prozesse notwendig waren, während die Proteome-Datenbanken flankierend Daten über die an diesen Vorgängen beteiligten Objekte (Gene, Proteine) liefern. Das gewaltige Potential der vereinigten Datenbanken liegt nun darin, dass wir ein umfassendes Bild der Wechselbeziehungen zwischen diesen Objekten in lebenden Zellen und Organismen konstruieren und damit, zumindest in der mittelfristigen Perspektive, deren Funktionsweise im Computer abbilden können.

wirtschaft   Wie würden Sie Ihre Marktstellung umschreiben? Wer sind Ihre Kunden?

Überragende weltweite Marktstellung

Tysiak   Durch die Übernahme von Proteome sind wir zum Marktführer aufgestiegen. Wir haben etwa 70 größere biotechnologische und pharmazeutische Kunden, fast alle großen Pharmafirmen u. a. BASF und Vertex haben eines oder mehrere unserer Produkte. Etwa 350 akademische Einrichtungen und Universitäten (u. a. Max-Plank Institute, Harvard, RIKEN) arbeiten in der Forschung mit den Datenbanken. Die stärksten Konkurrenten kommen aus Kalifornien, Indien und Deutschland.

wirtschaft   Lediglich 2 Prozent Ihres Umsatzes machen Sie mit Unternehmen, die ihren Sitz in Deutschland haben. Woran liegt das? Ist Deutschland so weit zurückgefallen?

Tysiak   Zwar ist Deutschland in der Bioinformatik führend, nicht aber in der biotechnologischen Medikamentenforschung. Trotzdem konnten wir einen Kunden wie die BASF gewinnen.

wirtschaft   Sie beschäftigten überwiegend Biologen und IT-Fachleute, die mit dem weiteren Aufbau und der Pflege Ihrer insgesamt 12 Datenbanken befasst sind. Wie gehen Ihre Experten dabei vor?

Wingender   Unsere Experten werten die aktuellen Veröffentlichungen aus, bereiten sie auf und stellen den Zusammenhang zu bereits vorliegenden Informationen her. Für unsere Kunden sind wir also ein wichtiger Ideengeber und Hypothesenlieferant. Unsere Datenbank-Informationen ersparen es den Unternehmen und Forschungsinstitutionen nach der aufwendigen Schrotschuss-Methode vorzugehen.

wirtschaft   Welche neuen Entwicklungen in der Bioinformatik verfolgen Sie mit Blick auf Ihre Datenbanken mit besonderer Aufmerksamkeit?

Tysiak   Sicherlich sind hier die "Language Processing" Programme zu nennen, die Datenbanken über die Texterkennung automatisch aufbauen. Zweitens die erstarkende Konkurrenz aus Indien und vielleicht später aus China.

wirtschaft   Welche Pläne haben Sie für den Ausbau des Standortes Wolfenbüttel?

"Hauptquatier" in Wolfenbüttel

Wingender   Der Standort Wolfenbüttel ist das "Hauptquartier" von BIOBASE. Hier werden von unseren Experten im IT- und im biologischen Bereich die wesentlichen Konzepte für unsere Datenbanken und die begleitende Software entwickelt. Hier wird auch ein großer Teil der Qualitätskontrolle für die Daten durchgeführt, die andernorts erhoben wurden. Und hier ist natürlich auch die zentrale Administration des gesamten Unternehmens. Mit der Akquisition in den USA und, eventuell, dem Hinzukommen weiterer Standorte werden diese Aufgaben zunehmend wichtiger.

wirtschaft   Die Expansion des Unternehmens haben Sie mit Hilfe von Risikokapital-Gebern vorangetrieben. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht? Waren Sie auch mit hiesigen Banken im Gespräch?

Tysiak: Risikoscheue Bankenwelt

Tysiak   Viele VC's sind in Deutschland von der Fläche verschwunden, die restlichen sind noch risikoaverser geworden. Die Finanzierung der Akquisition wurde zum Teil durch unseren bisherigen VC und zum Teil durch eigene Mittel finanziert. Die lokale Bankenwelt zeigte sich gänzlich risikoscheu trotz Bürgschaften des Landes und der Gesellschafter.

wirtschaft   Herr Wingender, Sie sind Professor für Bioinformatik an der Medizinischen Fakultät der Universität Göttingen. Welche Bedeutung haben für Biobase die Forschungseinrichtungen im Dreieck Braunschweig-Göttingen-Hannover?

Wingender   Wir haben enge Kooperationen mit der Universität Göttingen, mit der Technischen Universität Braunschweig, der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung, der Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel, dem Fraunhofer Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin in Hannover sowie gute Kontakte zur Medizinischen Hochschule Hannover. Das sind zumeist Forschungsprojekte wie etwa das vom BMBF geförderte und von mir koordinierte Bioinformatik-Kompetenzzentrum "Intergenomics", das außer BIOBASE alle genannten Braunschweiger Forschungsinstitute und meine Gruppe in Göttingen umfasst. Aus diesen gemeinsamen Forschungsprojekten beziehen wir natürlich Ideen, Kreativität, geben unseren Input in Form unseres Know-Hows und unserer Produkte. Und wir haben einen regen personellen Austausch, BIOBASE-Mitarbeiter gehen zur Weiterqualifikation an die Hochschulen, aus den Forschungseinrichtungen rekrutiert BIOBASE neue qualifizierte Mitarbeiter, deren Eignung sich häufig in den Kooperationen oder in Betriebspraktika, die wir anbieten, meist schon erwiesen hat. Darüber hinaus haben wir Technologie-Transfer- und Kooperationsabkommen, die direkt auf die Erweiterung oder Verbesserung unseres Produktportfolios abzielen. Insgesamt ist es ein ausgewogenes Geben und Nehmen zwischen BIOBASE als kommerziellem Partner und den Forschungseinrichtungen.

wirtschaft   Auf einen kurzen Blick in die Geschichte Ihres Unternehmens sollten wir nicht verzichten.

Wingender   Im Oktober 1997 habe ich mit drei Mitarbeitern meiner Arbeitsgruppe an der GBF BIOBASE gegründet. Ende 1999 konnten wir Risikokapital einwerben, so dass wir ab im Januar 2000 von fünf auf zunächst 15, später auf mehr als 40 Mitarbeiter wachsen konnten. Eine krisenhafte Entwicklung im Jahr 2001 konnten wir mit Hilfe eines japanischen Investments und durch eine Reihe von Umstrukturierungsmaßnahmen meistern. Das war nicht zuletzt das Verdienst von Michael Tysiak, der in dieser Zeit zu uns kam. Den break-even konnten wir im Jahre 2003 erreichen, 2003 und 2004 wurden wir von Deloitte and Touche als eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen in Deutschland ausgezeichnet. Dazu beigetragen hatte nicht nur die erfreuliche Entwicklung unserer eigenen Produkte auf dem Markt, sondern auch die erfolgreiche Vermarktung von Datenbanken von Drittanbietern. Schließlich wird uns die Akquisition der Proteome-Datenbanken im Januar diesen Jahres einen weiteren Wachstumsschub auf dem weltweit immer stärker umkämpften Bioinformatik-Markt bringen. Wir schauen zuversichtlich nach vorn, und halten Ausschau nach weiteren Gelegenheiten, unser Angebot an biologischen Inhalten kontinuierlich zu verbessern und zu erweitern.

Persönliche Fragen an Professor Edgar Wingender und Michael Tysiak

1. Wie sieht die private Welt von Edgar Wingender und Michael Tysiak aus?

Wingender:

Zunächst und vor allem: Eine wunderbare Familie, wir haben vier Kinder, um die ich mich gern viel mehr kümmern würde. Es bleibt nicht aus, dass sehr viel Arbeit im privaten Umfeld erledigt werden muss, etwa die Vorbereitung der Vorlesungen für die Universität.

Tysiak:

Ich bin verheiratet, lebe in Berlin und Wolfenbüttel. Weiterhin unterstütze ich junge Unternehmen, so als Aufsichtsratsvorsitzender die 4friendsonlz Internet AG aus Ilmenau und bin aktiv im Austausch deutsch-amerikanischer Studenten über das NAAC Berlin (North American Association).

2. Was machen Sie in Ihrer Freizeit am liebsten?

Wingender:

Lesen, am liebsten beschäftige ich mich mit geschichtlichen Themen. Mein eigentliches Hobby, Genealogie, kommt seit vielen Jahren zu kurz. Es bleibt für die "Freizeit" auch das Engagement für einen gemeinnützigen Verein (Bioinformation Systems e.V.), der online eine Bioinformatik-Fachzeitschrift herausgibt. Die aktive Mitwirkung meiner Frau bei der Redaktion dieser Zeitschrift gibt mir eine kleine Rechtfertigung, diese Aktivität als gemeinsames "Hobby" zu deklarieren.

Tysiak:

In meiner Freizeit treibe ich Fitness Sport, reise nach Italien, Frankreich und in die Ferne und begeistere mich für Architektur und Geschichte.

3. Was würden Sie als Bundeskanzler sofort ändern?

Wingender:

Die Komplexität politischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge lässt kaum zu, etwas nur dem Bundeskanzler zuzuschreiben.

Tysiak:

Hier würde ich die bereits guten Ansätze des Kanzlers weiterverfolgen und das Renten-Umlagesystem nach britisch Amerikanischem Modell verändern. das bringt dann auch die Lösung für die kapitalmarktseitige Unterstützung der Industrie - etwas das sehr fehlt in Deutschland.

Das Unternehmergespräch mit Edgar Wingender und Michael Tysiak war Titelstory der ihk wirtschaft 05/2005

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Ansprechpartner


Dipl.-Ing., Dipl.-Wirtschaftsing. Peter Peckedrath

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