Transferabend im Oktober

von oben nach unten: RegJo-Chefredakteurin Dr. Heike Steingaß, Professor Dr. Stephanus Büttgenbach, Geschäftsführender Leiter des Instituts für Mikrotechnik (IMT) der TU Braunschweig, Hildegard Eckhardt, die Geschäftsführerin der Lineas Project Services GmbH, Ulrich Stieler, Geschäftsführer der Stieler Kunststoff Service GmbH, Ralf Richter, der Sprecher des Technologietransferkreises des ForschungRegion Braunschweig e. V., Klaus-Dieter Kühn, Geschäftsführer der ForschungRegion Braunschweig e.V.<br /><br />Fotos: Susanne Hübner

Transferabend im Oktober:
Mikrosystemtechnik – großes Potenzial, doch bislang nur wenige Anwender

»Mikrosystemtechnik – eine Schlüsseltechnologie auch für die Region«: So hieß das Thema des neunten Transferabends bei der Lineas Project Services GmbH. »Die Frage ist, was für ein Satzzeichen hinter der Aussage stehen soll – ein Ausrufezeichen oder ein Fragezeichen?« sagte Prof. Stephanus Büttgenbach im einleitenden Impulsvortrag. »Bei Forschung und Entwicklung spielen wir in Deutschland oben mit. Wir haben eine große Breite an Technologien, von der Halbleitertechnologie über die Feinmechanik bis hin zur Kunststofftechnologie«, so der geschäftsführende Leiter des Instituts für Mikrosystemtechnik der TU Braunschweig. Insofern müsste Mikrosystemtechnik in unserer Region einen großen Stellenwert haben. »Dem ist aber nicht so. Es gibt nur wenige Anwender.« Warum ist das so? Das war Stoff für eine lebhafte, von RegJo-Chefredakteurin Dr. Heike Steingaß geleitete Diskussion unter reger Beteiligung der rund 20 Zuhörer.

Mikrosysteme integrieren Elektronik, Mechanik, Magnetik, Fluidik, Optik und neue Funktionsmaterialien. Die leistungsfähigen Systeme mit hoher Funktionalität können viele Aufgaben besser und preiswerter erfüllen als konventionell gefertigte »große« Produkte. Zudem erschließen sie neue Anwendungen, zum Beispiel in der Medizin, erläuterte Prof. Büttgenbach. Weitere Anwendungsfelder seien die Automobil-, Verkehrs- und Kommunikationstechnik, Biotechnologie und Landwirtschaft.

»Mit der Mikrosystemtechnik beschäftigt man sich seit 25 Jahren. Der breite Durchbruch steht noch bevor. Es gibt jedoch keinen Anlass zu unken, dass es doch nichts werden könnte. Wir müssen einfach Geduld haben«, betonte der Leiter des Instituts für Mikrosystemtechnik. Derzeit gebe es ein Wachstum von 16 Prozent pro Jahr. »Es sind aber nur wenige Produkte, die es bringen.« Prognostiziert wird, dass im Jahr 2009 drei Produkte 70 Prozent des Marktes ausmachen werden: Schreibleseköpfe von Festplatten, Druckköpfe von Tintenstrahldruckern und Microdisplays. Drei weitere Produkte werden einen Markt von über einer Milliarde US-Dollar haben: Drucksensoren, RF Mems (Mikrosysteme im Hochfrequenzbereich) und Trägheitssensoren für die Automobiltechnik. Darüber hinaus gebe es viele Nischenmärkte.

Als Beispiele, die vom TU-Institut in industrielle Anwendungen überführt wurden, nannte Prof. Büttgenbach zum einen das zusammen mit Sennheiser entwickelte weltweit erste Mikrofon, das akustische Schwingungen rein optisch aufnimmt. Das optische Mikrofon gehe in Serie und ermöglicht eine bessere Patientenversorgung in der Medizin. Erstmals ist eine direkte Arzt-Patienten-Kommunikation bei der Untersuchung im Tomographen möglich. Gemeinsam mit Zeiss wurde ein Taster entwickelt, um an Mikrostrukturen Koordinatenmessungen durchzuführen. Ein inzwischen von der Hydac Electronic GmbH produzierter Sensor dient der Bestimmung der Qualität von Hydraulikölen.

Am Schluss des Impulsvortrages stellte Prof. Büttgenbach die Forschungsleistung des Zentrums für Mikroproduktion e. V. vor. Durch die Kooperation von Instituten der Technischen Universitäten Braunschweig und Clausthal, des Fraunhofer-Institutes für Schicht- und Oberflächentechnik, der PTB, der Lineas Project Services GmbH, der Stieler Kunststoff Service GmbH und der projekt Region Braunschweig GmbH würden elementare Kompetenzen der Mikroproduktion gebündelt. Das Angebot umfasse gemeinsame Forschung und Entwicklung und den Transfer in die industrielle Anwendung sowie Aus- und Weiterbildung. »Es ist alles vorhanden, um Produkte vom Entwurf zumindest bis zur Nullserie zu fertigen.«

In der anschließenden Diskussion wurde dann deutlich, dass viele Unternehmen ihre Produkte mit Mikrosystemtechnik verbessern könnten. Sie tun es bislang jedoch nicht. »Viele steigen nicht ein, weil sie die Vision oder das Vorstellungsvermögen nicht haben«, konstatierte Ulrich Stieler, Geschäftsführer der Stieler Kunststoff Service GmbH. Das Goslarer Unternehmen, das Technologie für Kunststoffspritzguss entwickelt, plant, innerhalb der nächsten fünf Jahre Mikroprodukte für die Computertechnik und Medizintechnik herzustellen. »Am Schönsten wäre«, so Ulrich Stieler, »wenn wir einen Kunden hätten, der sagt: Dieses Produkt will ich haben. So groß muss es sein, das muss es leisten. Das haben wir aber nicht, weil unsere potenziellen Kunden sich das nicht vorstellen können. Und wenn man an einen Kunden herantritt, erzählt man meistens schon so viel, dass dann ein Wettbewerb geschaffen wird bei anderen Instituten.«

Nach wie vor gebe es Barrieren zwischen Hochschule und Industrie, so der Tenor vieler Diskutanten – »auch Kommunikationsbarrieren«, so Ralf Richter, der Sprecher des Technologietransferkreises des ForschungRegion Braunschweig e. V. Deutlich machte er zudem, dass eine gute Idee nicht automatisch Chancen auf dem Markt habe. »Sie braucht auch Unterstützer. Wichtig ist, dass die Trommel gerührt wird.« In diesem Zusammenhang berichtete Prof. Büttgenbach, dass die Firma Sennheiser für das optische Mikrofon den deutschen Innovationspreis erhalten habe. »Das Projekt wurde vom Land Niedersachsen gefördert. Aber glauben Sie nicht, dass mein Verlangen, eine Abschlussveranstaltung zu machen, erfüllt wurde. Man sagte: Nein, das Projekt ist jetzt abgeschlossen. Die Landesregierung hätte doch ein großes Interesse haben müssen, das als ihren Erfolg zu verkaufen.«

Defizite in der Außendarstellung, zu wenige Technologietransferbeauftragte in Unternehmen und Instituten, zu wenige Gelegenheiten, sich zu begegnen: Das wurde in der weiteren Diskussion bemängelt. Nicht immer würden Angebote indes auch angenommen, berichtete Klaus-Dieter Kühn, Geschäftsführer der ForschungRegion Braunschweig e. V.: »Ich habe rund 80 Unternehmen, die Mikrosystemtechnik gebrauchen könnten, eingeladen. Keiner hat geantwortet. Dann müssen wir zu ihnen gehen, uns aktiv präsentieren.«

Interesse wecken durch praktische Umsetzungen: Diesen Ansatz verfolgt auch Hildegard Eckhardt, die Geschäftsführerin der Lineas Project Services GmbH. »Am 6. Dezember werden wir auf dem VW-Gelände in Salzgitter die von unseren Mitarbeitern gebauten Seifenkisten reaktivieren. Sie werden mit Sensoren bestückt und softwaretechnisch aufbereitet. Wir wollen das Thema nicht nur rein wissenschaftlich begleiten, sondern auch auf der Spaßseite«, berichtete sie. Bei Messen seien ähnliche Konzepte bereits aufgegangen: »Die Leute kommen und fragen: Was hat das mit Mikrosystemtechnik zu tun? Und schnell ist man im Gespräch.«

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