Transferabend im Mai

Professor Dr. Ulrich Reimers

Transferabend im Mai: Kommunikation und Fernsehen / -hören der Zukunft: Transferabende – Zukunftspotentiale der Region

Der Abend begann mit dem Vortrag „Entwicklungstrends in den elektronischen Medien – von IPD bis HDTV“ von Professor Dr.-Ing. Ulrich Reimers, Leiter des Instituts für Nachrichtentechnik der Technischen Universität Braunschweig. Anschließend diskutierten Repräsentanten aus Medien, Industrie, Handwerk und Handel mit dem Referenten, welche Perspektiven dieses Braunschweiger Kompetenzfeld als Wachstumstreiber für die Region und die Gesamtwirtschaft bietet.

Moderiert von Adalbert Wandt, Präsident der Union Kaufmännischer Verein von 1818 e. V. und Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer Braunschweig kamen am Abend des 08.Mai ca. 90 Interessierte in den Kongresssaal der IHK Braunschweig.

Klaus-Dieter Kühn, Geschäftsführer des ForschungRegion e.V. kommentierte die Absichten der Transferabende. "Ein ganz wesentlicher Beweggrund, weshalb der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft eine Stadt mit dem begehrten Titel „Stadt der Wissenschaft“ auszeichnet, ist die Breitenwirksamkeit mit der vor Ort Wissenschaftsthemen in die Öffentlichkeit hinein getragen werden. An den Transferabenden sollen in Diskursen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Bürgerschaft Ideen kommuniziert werden, um Wissen zu vernetzen und damit Innovationen für eine nachhaltige Regionalentwicklung zu fördern.", so Kühn.

Professor Ulrich Reimers: Handy-Fernsehen per DVB-H startet zur Cebit 2008

Professor Ulrich Reimers unterbricht seine Ausführungen unvermittelt: „Das Grab von Herodes wurde übrigens gefunden“, berichtet er den rund 100 Zuhörern beim fünften Transferabend Anfang Mai. Fünf Minuten später ein erneuter Gedankensprung: „Gerade sehe ich, der Börsenkurs ist gewaltig zurückgegangen, um 83 Punkte.“ Während der Leiter des TU-Instituts für Nachrichtentechnik im Kongresssaal der IHK über Entwicklungstrends in den elektronischen Medien informierte, schaute er auf einem Handy die Tagesschau. Eine unterhaltsame Demonstration des Mobile TV, an dessen Entwicklung Braunschweig federführend beteiligt war. Ebenso anschaulich berichtete der Pionier des digitalen Fernsehens über das hochauflösende Fernsehen (HDTV), den hochleistungsfähigen Internetzugang Internet Protocol Television (IPTV) und neue Probleme bei der Nutzung der Inhalte.

Ein Trend sei bekannt, so Ulrich Reimers einleitend: Das digitale terrestrische Fernsehen DVB-T, das mit großem Erfolg eingeführt wurde. Sieben Millionen Endgeräte wurden bislang in Deutschland verkauft. Bereits Ende 2008 werde das analoge Fernsehen abgeschaltet: „Das Zeitalter des Analogen ist vorbei.“ Als nächste bedeutende Entwicklungen sieht er nun das Mobile TV sowie HDTV. „Künftig wird fast jeder einen Hörfunk- und Fernsehempfänger in der Tasche haben. HDTV wird in Deutschland zur Winterolympiade 2010 weit verbreitet eingeführt sein, und das ist eine Entwicklung, die fast jeden von uns treffen wird“, so seine Prognose. Ausführlich erläuterte Reimers zunächst den Standard DVB-H für den Multimedia-Empfang auf mobilen Endgeräten. Die ersten drei Buchstaben stehen für terrestrisches Digitalfernsehen, das H für Handheld.

Mobiltelefone seien immer leistungsfähiger. Sie würden zunehmend zum persönlichen Kommunikationszentrum. Die Geräte seien jedoch limitiert durch die geringe Größe von Display und Tastatur und müssten aus einer kleinen Batterie leben: „Was fehlt, ist Fernsehen und Navigation.“ DVB-H ermögliche nun den Transport von Daten jeglicher Art. Bis zu 20 Fernseh- oder 50 Hörfunkprogramme können in einem einzigen Datenstrom gleichzeitig übertragen werden. Zudem sind interaktive Dienste mobil zu empfangen. Das System sei optimiert auf den Batteriebetrieb, kleinen Bildschirm und kleine Antenne und verfüge über eine Schnittstelle zum Internet. Genutzt werden könne DVB-H auch, um hybride Kommunikationsnetze aufzubauen: Netze, die mehrere Teilnetze verbinden. „Das UMTS-Netz etwa ist ideal für Kommunikation, das Broadcastnetz ideal zur Verbreitung von Information. Man entscheidet, welche Dienste wo übertragen werden. So lassen sich die unterschiedlichen Stärken optimal nutzen. Die Kommunikationskosten werden deutlich reduziert.“ Über DVB-H könnte beispielsweise im Stadion eine Zeitlupenwiederholung einer umstrittenen Torszene aufs Handy geladen werden: „Ein Netz wird zugeschaltet für Dienste, die massenpopulär sind.“

Seit knapp drei Jahren wird das Mobile TV in mehr als 40 Testnetzen in der ganzen Welt erprobt. In Italien, Albanien und Finnland hat bereits der landesweite Regelbetrieb begonnen. In Deutschland wird das Mobilfernsehen zur Cebit 2008 offiziell in Betrieb gehen. Bis 2012 rechnet Reimers mit 70 Millionen verkauften DVB-H-Geräten.

Eine erfolgreiche Zukunft prophezeit er nun auch dem HDTV: „1978 war das Thema mal so heiß, dass ich dachte, das wird dein Lebensweg. Damals war ich wissenschaftlicher Mitarbeiter. Doch dann gab es einen großen Einbruch, weil das damalige HDTV den Markt nicht erreichte.“ Seit der vergeblichen Einführung habe sich jedoch viel verändert: Flachbildschirme übernehmen den Markt, geeignete Technologien für Bildcodierung und Übertragung sind verfügbar, und die Produktion von HDTV-Programmen sei inzwischen gut bezahlbar. Die Kosten lägen um 15 bis 20 Prozent über den Produktionskosten des Standardfernsehens.

Das Standardfernsehbild bestehe aus 575 Zeilen und 720 Bildpunkten pro Zeile, erläuterte Reimers. Für HDTV werden die Zahl der Zeilen fast verdoppelt und gleichzeitig die Zahl der Bildpunkte pro Zeile deutlich erhöht. „Ein HDTV-Display ist ein größeres Fenster in die Welt. Sie bekommen zum Beispiel ein komplettes Fußballfeld auf den Bildschirm. Bei Theateraufführungen sehen Sie nicht nur, wie der Regisseur Lohengrin und dem Schwan folgt, sondern können sich eine eigene Kamera aufstellen, die das gesamte Bühnengeschehen beobachtet.“ Sinn mache HDTV nur auf einem großen Display. Die bereits erhältlichen Flachdisplays mit dem Siegel „HD ready“ seien jedoch keine Empfänger, betonte er. Zusätzlich benötige man eine Settop-Box, die das HDTV-Signal übersetzt. Bislang könnten die Geräte nur eine geringe Zahl von Programmen empfangen. Viele Displays betrieben intern eine umfangreiche Bildbearbeitung und verschlechterten dabei die Bildqualität erheblich: „Es hat nie zuvor so eine fürchterliche Empfangsgerätetechnik gegeben, die so viel schlechtere Bilder darstellt.“ Beim Kauf empfahl Ulrich Reimers deshalb, sehr sorgfältig zu sein. Den Durchbruch von HDTV erwartet er zur Winterolympiade 2010, wenn auch bei ARD und ZDF HDTV starten wird. Bislang wurden in Deutschland erst 48 000 Empfänger verkauft.

Die Rechteinhaber, die die Programme produzieren, hätten indes bereits jetzt „die reinste Paranoia“ entwickelt, berichtete Reimers. Denn die Bildqualität sei so gut, „dass man mit Raubkopien ein kleines Kino bestücken könnte“. Zudem lasse sich das Material oft kopieren, ohne dass sich die Qualität verändere. „Die Rechteinhaber wollen ihre Inhalte voll unter Kontrolle haben. Die meisten Programmanbieter werden dafür sorgen, dass man große Spielfilme sehen, aber nicht aufzeichnen kann.“

Als weitere interessante Entwicklung skizzierte Ulrich Reimers das IPTV als neuen Verbreitungsweg, der Telefonie, Internetzugang, PC-Funktionen und Fernsehen kombiniert. Alle Kommunikationsdienste werden in einem Netz zur Verfügung gestellt. Die Nutzer können aus über 100 Programmen wählen, die auf Anfrage vom Netzbetreiber übertragen werden. So kann das Programm individuell gestartet, pausiert oder beendet werden: „Eine nicht billige, aber hoch leistungsfähige Technik, die völlig neue Möglichkeiten bietet.“ Kurz berichtete er auch, dass kommerzielle Anbieter planten, von der Ära des frei empfangbaren Fernsehens abzurücken. Er kündigte an, dass Programmanbieter planten, alle Sendungen der vergangenen sieben Tage rückwirkend im Internet zur Verfügung zu stellen und informierte über neue Gerätetechnik (Empfangsgeräte mit eingebauter Festplatte, die beim Abspielen die Werbung überspringen) und neue Netze wie den Ausbau des VDSL-Netzes durch die Deutsche Telekom.

Bei der anschließenden lebhaften Diskussion fragte ein Zuhörer – begeistert vom Vortrag – warum Professor Reimers eigentlich noch in Braunschweig sei. Er bekäme doch bestimmt jeden Tag zehn Angebote. „Das Gegenteil ist der Fall“, antwortete der Leiter des Instituts für Nachrichtentechnik. „Man sagt nicht, wir wollen dich aus Braunschweig weg holen, sondern die Branche kennt Braunschweig. Kein Mensch käme auf den Gedanken zu glauben, man könnte anderswo in Deutschland so ein Institut aufbauen. Der Markt in Deutschland auf diesem Sektor ist abgeräumt.“

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