Technologietransferpreis ehrt die Menschen hinter den Leistungen

Interview mit Thordis Eckhardt, Wirtschaftsverlag Gesundheit GmbH

Thordis Eckhardt, Herausgeberin & Chefredakteurin, Gesellschafterin der Wirtschaftsverlag Gesundheitswirtschaft GmbH
Peter Peckedrath, Innovationsberater der IHK Braunschweig

Seit nahezu 30 Jahren wird der Technologietransferpreis [TTP] der IHK Braunschweig verliehen: an Wissenschaftsinstitute oder an Wirtschaftsunternehmen, die die innovativen Technologien in den Markt einführten. Warum tun Sie das?

Im Wesentlichen sind es zwei zentrale Intensionen, die wir als IHK mit der Vergabe des TTP verfolgen.

Zum einen wollen wir auf die grundsätzliche Bedeutung eines Wissens- und Technologietransfers hinweisen, für die Wissenschaftler den Hinweis geben, aus ihren Elfenbeintürmen herauszukommen und Unternehmern klar machen, dass es sinnvoll ist, Entwicklungspotenziale - zumal sie sich direkt vor der Haustür befinden - zur Sicherung des Fortbestandes ihres unternehmerischen Tuns einzusetzen.

Die Vielzahl der hier ansässigen Forschungsinstitutionen sichert uns nur dann mesoökonomische Besserstellungen gegenüber anderen Regionen, wenn diese Potenziale auch hier genutzt werden.

Zum anderen wollen wir regelmäßig einmal im Jahr den Vorgang an sich und die mit dem TTP verbundenen Persönlichkeiten öffentlich herausstellen. Im Übrigen verleihen wir die Auszeichnung NICHT an Institute oder Unternehmen, sondern an die dort beschäftigten Menschen, deren Verhalten Beispiel gebend für viele andere sein soll. Wir stellen in der Öffentlichkeitsarbeit weniger den mit dem Transfer verbundenen Innovationserfolg (obwohl er eine conditio sine qua non für den Preis darstellt) heraus, sondern die oftmals auch mit persönlichen Risiken verbundene und höchstengagierte Arbeit derjenigen, die es tun.

Darüber hinaus ist es natürlich jedes Jahr der individuelle Fall, der fokussiert  wird. Damit werden die Transferleistenden öffentlich und mit weiter Sichtbarkeit geehrt, ihre Grundhaltung ausgezeichnet und ihre Vorbildfunktionen herausgestellt.

Inwieweit ist die IHK Braunschweig aktiv in den Prozess des Technologietransfers involviert?

Bei den ausgezeichneten TTP-Fällen und bereits auch in allen Fällen, die als Grundgesamtheit die Jury erreicht haben, war die IHK in keinem Fall operativ am jeweiligen Transferprozess beteiligt. Die Diskussion, wer in den vorgeschlagenen Fällen sich besonders auszeichnet, wurde an die ehrenamtlich Tätigen in der Jury delegiert und ein Regularium in Form von Richtlinien vorgegeben.

Dennoch nehmen wir für uns in Anspruch, auf den Transferprozess - zumindest auf einer gesamtwirtschaftlicher Ebene unseres Bezirkes - Einfluss zu nehmen. Dazu gibt es zahlreiche Instrumente. Sei es nun unser monatliches Periodikum "Innovations- und Umweltnachrichten" mit dem wir auf Aktivitäten in der Transferszene, auf Förderprogramme, auf Technologietrends etc. hinweisen, oder die Durchführung eigener Informationsveranstaltungen bzw. Beteiligung an kooperativ geprägten Veranstaltungen wie Transferabende oder Technologieforen (z.B. mit der TU Braunschweig und der kommunalen Wirtschaftsförderung Braunschweig Zukunft GmbH), Beratungstage zu gewerblichen Schutzrechten mit den regional ansässigen Patentanwälten, als Gesprächspartner bei Existenzgründungsberatungen, in unserer Mitwirkung im Verein ForschungRegion Braunschweig oder auch als Akquisiteur für Problemlösungsgespräche zwischen Unternehmern und Wissenschaftlern.

17.01.2007

Helmut Streiff, erster Stellvertreter des IHK Präsidenten erläutert in der Auftaktveranstaltung zum Jahr >>2007 - Braunschweig, Stadt der Wissenschaft<< den Beratungsscheck

 

Es sind im Wesentlichen vier unterschiedliche Transferkanäle, die zu beobachten sind: Transfer via Köpfe, durch Spin-Offs, Transfer durch Zusammenarbeit und Transfer über Veranstaltungen und Publikationen, wobei ich hier keine wissenschaftlich verfasste Publikationen meine, sondern eher Geschichten, die das Transferleben so schreibt z. B. in Form von  best-practice Fällen.

Vor allem im Transfer via Köpfe ist die besondere Rolle von Volkswagen für die Region auffällig. Dieses Unternehmen nimmt einen großen Teil der für das Unternehmen relevanten Absolventen aus den Technischen Universitäten Braunschweig und Clausthal-Zellerfeld und der Ostfalia Hochschule auf. Durch die breite Aufstellung dieser Forschungs- und Lehranstalten ist jedoch deren Wirkungsbereich deutlich umfänglicher, so dass Absolventen auch in anderen Regionen - deutschlandweit aber auch international - Anstellungen finden. Eine insbesondere regionale Verbreitung der Absolventen ist hier aus Sicht der IHK gewünscht, kann aber nicht immer realisiert werden. Im Zeitalter eines Fachkräftemangels kommt erschwerend der Konflikt zwischen Wissenschaft und Unternehmen um die besten Köpfe hinzu. Nichtsdestotrotz versucht die IHK auch auf die Vorteile einer Anstellung in einem regionalen KMU aufmerksam zu machen um dort akademisch geprägte Fachkräfte unterzubringen.

Das Thema Spin-Offs steht aus meiner Sicht ebenfalls auf der Agenda der IHK. Bei diesem Kanal handelt es sich um eine wünschenswerte Auswirkung seitens der technologiegebenden Institutionen auf die Region durch Ausgründungen. Unterstützende Maßnahmen werden dabei durch Netzwerkarbeiten ergriffen, um die Entstehung und Etablierung von Spin-Offs zu unterstützen.

Diese Maßnahmen umfassen die Hilfeleistung für Gründer in Inkubatoren, die Auslobung des erwähnten jährlichen Preises und die Unterstützung der Zusammenarbeit von Unternehmen und Hochschule durch die Innovationsgesellschaft Technische Universität Braunschweig GmbH (iTUBS). Dieses Unternehmen bildet eine „Scharnierfunktion“ zwischen der alma mater und den transferorientierten Unternehmungen mit Problemlösungswünschen. Je nach Konstellation der verabredeten Aufgabenstellungen in den Unternehmen der Wirtschaft werden Technologietransferzellen individuell aus Mitarbeitern, Maschinen und Laboren verschiedener Uni-Institute so zusammengestellt, dass diese "task force auf Zeit" aufbauorganisatorisch und operativ ein optimum optimorum für die Wahrnehmung der Dienstleistung im Unternehmen darstellt. Die iTUBS GmbH unterhält einen Aufsichtsrat, in dem die IHK einen Sitz unterhält. Dr. Wolf-Michael Schmid als Präsident der IHK Braunschweig lässt es sich nicht nehmen, sehr häufig an den Sitzungen persönlich teilzunehmen. Weitere personelle Verantwortungen werden durch Dipl.-Ing. Helmut Streiff, erster Vizepräsident der IHK Braunschweig, übernommen, indem er als Hochschultrat dem Präsidium der TU Braunschweig zur Seite steht. Neben dem Hauptamt engagiert sich also auch das Ehrenamt der IHK Braunschweig, Wissens- und Technologietransfers zu generieren.

Wieviel Unternehmen und/oder Wissenschaftler haben diesen Preis in der Kategorie Medizin/Gesundheitswirtschaft bereits erhalten? Was ist aus den Unternehmen im Markt geworden?

Insgesamt wurden seit 1985 weit über 200 Vorschläge eingereicht, weit über 50 Personen ausgezeichnet und auch die Anzahl der Transferpreise ist höher als die Dauer des Preises, weil (gerade zu Beginn) der Preis in einigen Fällen geteilt wurde.

59 ausgezeichnete Forscher blickten 2007 im Jahr "Braunschweig - Stadt der Wissenschaft" auf den Altstadtmarkt

Waren es in der Anfangsphase mehrheitlich umgesetzte Technologietransfers aus den Bereichen Verfahrenstechnik und Maschinenbau so haben sich in der letzten Dekade hauptsächlich Transfers in den Sektoren Umweltschutz und Medizintechnik durchsetzen können.  Der Anwendungsbereich für Metrologie ist – der Physikalisch Technischen Bundesanstalt (PTB) sei gedankt - traditionell ein sehr starker Wissens- und Technologietransferbereich unserer Region.

Aus dem Bereich Medizin / Gesundheitswirtschaft gab es 2005 einen Transfervorgang für ein Zahnimplantatsystem mit neuartiger Verbindungstechnologie zwischen künstlichem Zahn und dem aufnehmenden Implantat mit einer technologieorientierten Unternehmensgründung innerhalb der Heraeus-Gruppe.  2007 standen die Transferierenden eines Neutronen-Personendosimeters für Kerntechnik, Medizin und Umwelt im Mittelpunkt. Geber war die PTB, Nehmer gleich mehrere, auch international tätige Unternehmen mit verschiedenen Zielmärkten.  Im letzten Jahr spielte ein kapazitives ortsauflösendes EKG-System eine große Rolle. Das Wissen wurde innerhalb der TU Braunschweig generiert, ein Doktorand und ein Master-Absolvent taten sich zusammen, um die Capical GmbH zu gründen.  Der Know-how Hin- und Rückfluss zur technologiegebenden TU Braunschweig ist auch zukünftig gesichert, da der Institutsleiter Gründungsgesellschafter ist und im Beirat der Capical auch weiterhin unterstützend und beratend tätig ist.

Die gesamte Bandbreite unterschiedlicher Technologietransferkanäle zeigt sich auch in der Grundgesamtheit eingereichter Vorschläge, sei es nun ein Transfer über Köpfe durch die Absolventen der Technischen Universitäten Braunschweig und Clausthal  und der Ostfalia, oder erfolgreiche Spin-Offs wie z. B. Aerodata, geniaLab, ETALON, aquen oder Capical oder auch Transfers durch Kooperation zwischen Forschung und Wirtschaft.

Für den Technologietransfer in Deutschland gibt es unterschiedliche Akteure und verschiedene Wege, gründungswilligen Entrepreneuren wird die Übersicht und Auswahl erschwert. Ist für die Zukunft eine vereinheitlichte Lösung in Sicht?

Ich bin kein Freund vereinheitlichter Regeln oder Regelungen, weil dies die Freiheitsgrade in den Prozessen reduziert. Ein hohes Maß an persönlicher Freiheit verbunden mit wirtschaftspolitisch stabilen und nachhaltig wirkenden, verlässlichen und damit kalkulierbaren Randbedingungen und unbürokratischen Regelsystemen würde die Transferlandschaft erblühen lassen. Ein möglichst früher Kontakt – Stichwort Schülerfirma – mit der Welt von Unternehmen, der Wirtschaft, Wissenschaft und der Administration wäre schon wichtig, um möglichst frühzeitig im Laufe eines Lebens die Möglichkeit einer Selbstständigkeit in Erwägung ziehen zu können.

Ein letztes Wort: Welche Zukunft/Bedeutung hat der Technologietransfer für den Wirtschaftsstandort Deutschland?

Soll ich dazu tatsächlich eine Antwort geben?  Stattdessen möchte ich lieber den Festredner bei der Vergabe des Technologietransferpreises der IHK Braunschweig 1993 zitieren:

"Wer nicht erfindet, verschwindet. Wer nicht patentiert, verliert."  

Dieses Zitat von Erich Häußer, ehemaliger Präsident des Deutschen Patent und Markenamtes findet seine Bestätigung auch in einer zeitdynamischen Betrachtung der mesoökonomischen Wirtschaftsstruktur unserer Region, denkt man z.B. an die Entwicklung der Fotoindustrie oder des Bereichs der Lebensmittelindustrie, Verpackung und Maschinen- und Anlagenbau dieses Sektors.

Dies sollte uns allen eine Lehre sein.

Weitere Informationen:

Wirtschaftsverlag Gesundheit GmbH

Wirtschaftsbrief Gesundheit, Ausgabe 026 vom 29.04.2014

Technologietransferpreis der IHK Braunschweig

iTUBS -Innovationsgesellschaft Technische Universität Braunschweig mbH

ForschungRegion Braunschweig e.V.

Bestellung: Innovations- und Umweltnachrichten

 

 

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