Studienabbrecher – eine neue Zielgruppe für die Ausbildung?

Das Projekt „Wegbereiter“ zeigt Studienabbrechern neue Perspektiven für den Berufsstart auf

in Studienabschluss ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Karriere – oder etwa nicht? Ein akademischer Titel ist das Ziel vieler junger Schulabgänger. Verständlich, verspricht er doch gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt, ein attraktives Gehalt und ein hohes soziales Ansehen. So wird der Weg vom Abitur zum – mindestens – Bachelorabschluss mehr und mehr zum Normalfall in der deutschen Bildungslandschaft. Doch passt dieser Anspruch überhaupt zu den Unternehmensbedarfen und zu den Fähigkeiten der jungen Menschen? Aktuell ist die Antwort ein klares „Nein“.

Viele Betriebe suchen deutlich mehr Mitarbeiter mit einem beruflichen Bildungsabschluss als mit einem akademischen. Unternehmen schätzen den hohen Praxisbezug der dualen Ausbildung, nicht zuletzt da die Jugendlichen hier ein klares Berufsziel anstreben. Doch nach und nach verstärkt der Trend zum Studium den Fachkräftemangel zusätzlich und seit Jahren sinkt die Zahl der neuen Auszubildenden in der Region Braunschweig. In 2016 waren es in den IHK-Berufen rund fünf Prozent weniger als im Vorjahr – höchste Zeit für Betriebe, um über neue Zielgruppen nachzudenken.

Auf der anderen Seite sind viele Studierende nicht zufrieden mit ihrem eingeschlagenen Weg: Bundesweit brechen 28 Prozent der Bachelorstudenten ihr Studium ab, in mathematischen und naturwissenschaftlichen Bereichen sind es sogar an die 40 Prozent. Die Zahl derjenigen, die aus gesellschaftlichem Druck oder aus vermeintlicher Alternativlosigkeit studieren, obwohl sie an ihrer Wahl Zweifel haben, ist nicht bekannt. An diesem Punkt setzt das Projekt „Wegbereiter – Perspektiven trotz Studienabbruch“ an. „Unser Ziel ist es, Studienzweifler und -abbrecher zu beraten und ihnen neue Perspektiven in der Region Braunschweig-Goslar aufzuzeigen“, erklärt Marcus Voitel, Projektleiter von „Wegbereiter“.

Die “Wegbereiter” stehen Studienzweiflern zur Seite – Marcus Voitel, Johanna Kuchling, Inga Möller (v.l.) Foto: Merle Janßen

Ist ein Studium das Richtige – welche Alternativen gibt es überhaupt?

In 2009 fing es mit der Förderung der offenen Hochschule in Braunschweig an. Das universitäre Bildungssystem für Absolventen beruflicher Bildung zu öffnen, war jedoch nur der erste Schritt. Die umgekehrte Bildungsrichtung war die nächste Idee: Können Studienabbrecher ihre erworbenen Kenntnisse für die duale Ausbildung nutzen? „Wir haben relativ schnell gemerkt, dass es für die Studienzweifler nicht an erster Stelle steht, ob ihre bisherigen Leistungen in einer Ausbildung angerechnet werden. Wichtig ist ihnen vielmehr eine Studien- und Berufsorientierung mit Mitte 20“, beschreibt der Mitbegründer des Projekts. „Viele von ihnen empfinden es zudem immer noch als Tabubruch, das Studium abzubrechen – die Alternativen werden als sozialer Abstieg empfunden. Für uns geht es in vielen Fällen also auch um Aufklärungsarbeit“, führt er weiter aus.
Damit starteten 2014 die ersten erfolgreichen Pilotprojekte an der TU Braunschweig und 2016 an der TU Clausthal-Zellerfeld– mit einem neuen Beratungsangebot für Studienzweifler und –abbrecher. „Das Ziel ist es, eine neutrale und kostenlose Anlaufstelle zu schaffen, die die Ratsuchenden bei ihrer Reflexion und Entscheidungsfindung ergebnisoffen begleitet“, sagt Marcus Voitel.

„Unternehmen sollten aktiver werden“

Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels, neuen Herausforderungen durch den digitalen Wandel und dem fehlenden Abiturjahrgang 2020 müssen sich Unternehmen noch stärker um qualifizierte Mitarbeiter bemühen – „Wegbereiter“ kann dabei helfen, mit den Studienabbrechern eine Zielgruppe zu erreichen, die das ganze Jahr über zur Verfügung steht. Daher ist das Projektteam offen für neue Ansprechpartner aus regionalen Unternehmen, die sich für einen Austausch mit Studienzweiflern interessieren.

„Wir merken immer wieder, dass kleine und mittlere Unternehmen aus vergangenen Erfahrungen noch etwas davor zurückscheuen, Hochschulen direkt anzusprechen. Wir können nur appellieren, genau diesen Schritt zu überdenken und zu wagen. Denn wir haben unter den Ratsuchenden Personen mit sehr verschiedenen fachlichen Hintergründen und beruflichen Zielen – das reicht vom Feinwerkmechaniker über den Fachinformatiker und Industriekaufmann bis zum Anlagenmechaniker “, macht Marcus Voitel deutlich.

Warum sind Studienabbrecher für Unternehmen so interessant?

„Studenten, die sich bei der Wahl des Studiums vertan haben und auf eine Ausbildung umsatteln wollen, bringen Erfahrungen aus dem Studium mit, die bei uns eine wertvolle Ergänzung sind. Studienabbrecher sind daher willkommene Bewerber für eine Ausbildung“, bringt es Tristan Niewisch, der als Softwareunternehmer im ChemieNetzwerk Harz aktiv ist, auf den Punkt. Neben fachlichen Vorkenntnissen bringen sie häufig noch viele persönliche Qualitäten mit ein: Durch ihre Lebenserfahrung sind sie oft schon gefestigter als junge Schulabgänger, bringen eine hohe Eigenmotivation mit und sind loyale Mitarbeiter für das Unternehmen, das ihnen eine Chance gibt.

Mit Netzwerkarbeit zum Beratungserfolg

Inzwischen ist „Wegbereiter“ neben der TU Clausthal und der TU Braunschweig zusätzlich auch an der HBK Braunschweig und an der Hochschule Ostfalia aktiv – seit November 2016 in einem dreiköpfigen Projektteam. Die Beratung von Studienzweiflern und -abbrechern ist nach wie vor die Hauptaufgabe: So ließen sich bereits über 170 Personen von den „Wegbereitern“ beraten – häufig in jeweils zwei bis drei verschiedenen Gesprächen pro Person. „Wir beginnen immer damit, zu klären, was die Person überhaupt genau möchte. Vielen hilft es schon, über ihre Situation zu sprechen. Mit dem zusätzlichen Input können sie sich leichter eine Lösung erarbeiten und eine Entscheidung treffen. Dazu zeigen wir den Ratsuchenden vielfältige Perspektiven in unserer Region auf“, erklärt der Projektleiter.

Ein Teil dieses Inputs ist, dass das Projektteam feststellt, welche Institution auf kurzem Weg eine sinnvolle, unterstützende Beratungs- oder Vermittlungsleistung übernehmen kann – etwa die Studien(fach-)beratung, der hochschuleigene Career Service, die Agentur für Arbeit oder die Industrie- und Handelskammer. Großen Wert legt „Wegbereiter“ darauf, ergebnisoffen zu beraten. So verbleiben einige Ratsuchende erfolgreich in ihrem Studium, andere wechseln den Studiengang, starten direkt in den Beruf, beginnen eine duale Ausbildung oder machen sich in der Region selbstständig.
Für „Wegbereiter“ ist daher eine gute Netzwerkarbeit mit allen regionalen Akteuren entscheidend. „Wir nehmen niemandem seine Aufgaben weg, sondern wollen die Zusammenarbeit zwischen den regionalen Institutionen stärken. Schließlich geht es uns allen darum, diese wichtige Zielgruppe in unserer Region zu halten und den Ratsuchenden dabei zu helfen, einen berufsqualifizierenden Abschluss zu erlangen“, fasst Marcus Voitel zusammen.
Großes Potential für die regionale Wirtschaft

Das Potential für „Wegbereiter“ ist riesig – das hatten auch die Ideengeber rund um die Agentur für Arbeit Braunschweig-Goslar erkannt. Allein die TU Braunschweig hat über 9.000 Studienanfänger. Bei einer durchschnittlichen Abbruchquote von mehr als einem Viertel geht es also darum, rund 2.500 potentielle Fachkräfte zu beraten und in der Region zu halten. Die anderen Universitäten mit einbezogen, steigt die Zahl noch einmal deutlich an.
„Wegbereiter“ kann dabei die erste Anlaufstelle in den regionalen Hochschulen sein – das Netzwerk aus Beratungs- und Vermittlungsinstitutionen sowie aus Arbeitgebern hilft Studienabbrechenden dabei, neue Perspektiven zu verwirklichen. Mit diesem Hintergrund gelingt es Marcus Voitel, seinem Team und allen Netzwerkpartnern mit dem Projekt „Wegbereiter“, die Region zu stärken und dem Fachkräftemangel entgegenzutreten.

Kontakt:

Marcus Voitel, Inga Möller, Johanna Kuchling
Tel.: +49 531-391 8943/-44
E-Mail: wegbereiter-studienabbruch@tu-braunschweig.de

Homepage: https://www.tu-braunschweig.de/wegbereiter-studienabbruch 

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