„Mir ist ein freundlicher Mitarbeiter lieber als ein schneller“

Lars Rüsing über die Erfahrungen mit Fachpraktikerausbildungen in der real,-SB-Warenhaus GmbH

Für Menschen mit (Lern-)Behinderung ist es häufig schwer, den Sprung von der Schule in die Arbeitswelt zu schaffen. Die Lösung: Praxisorientiertes Lernen und reduzieren der theoretischen Inhalte in Form der sogenannten Fachpraktikerausbildungen. Im Jahr 2016 hat die IHK Braunschweig dazu die Ausbildungsregelung für Fachpraktiker im Verkauf erlassen – schon im September desselben Jahres sind vier junge Männer in die Ausbildung gestartet.

Dabei bildet die Ausbildungswerkstatt (ABW) in Braunschweig die Jugendlichen überbetrieblich aus und wird von Beginn an durch die real,-SB-Warenhaus GmbH unterstützt. In der Filiale in Braunschweig-Gartenstadt lernen drei der angehenden Fachpraktiker zweimal wöchentlich die betriebliche Praxis im Kooperationsbetrieb kennen.

Lars Rüsing ist mit der Ausbildung zum Fachpraktiker Verkauf in seinem Betrieb zufrieden. Foto: Tim Jauernig

In einem Interview gibt Lars Rüsing, Geschäftsleiter der real,-SB-Warenhaus GmbH, einen Einblick in die Fachpraktikerausbildung und die Entwicklung der Jugendlichen.

Herr Rüsing, mit welchen Erwartungen sind Sie an diese Ausbildung heran gegangen - gab es im Vorfeld auch kritische Überlegungen?

Rüsing: Dass es sich um Menschen mit einer Lernbehinderung handelt, war uns bewusst. Aber was genau auf uns zukommt, wussten wir nicht hundertprozentig. Da wir genügend Ausbilder im Unternehmen haben, war uns aber klar, dass bei uns zum einen die notwendige Kompetenz vorhanden ist und wir zum anderen auch genügend Zeit in die Ausbildung der Jugendlichen investieren können.

Also war Ihnen von Anfang an bewusst, dass eine höhere Betreuung notwendig sein wird?

Rüsing: Ja, vor allem in der Anfangszeit kann man die Jugendlichen natürlich nicht sich selbst überlassen – aber mit der Zeit ist es immer besser geworden. Wir können Arbeitsaufträge nun klar definieren und die Auszubildenden bearbeiten diese dann selbstständig. Einigen fällt dies leichter, anderen ist unser Markt mit knapp 80.000 Artikeln aber auch zu groß und etwas zu unübersichtlich. Für einen Auszubildenden steht daher nun der Wechsel in einen kleineren Markt an.

Wie schätzen Sie die Entwicklung des Auszubildenden in dem kleineren Markt ein?

Rüsing: Das wird tatsächlich spannend, weil der Jugendliche sich dann in allen Bereichen des Marktes auskennen muss. Bei uns war der Vorteil, dass die Auszubildenden jede Abteilung einzeln kennen lernen können, damit es eben nicht so viel Input auf einmal wird.

Wie steht es um die anderen zukünftigen Fachpraktiker in Ihrem Markt?

Rüsing: Insbesondere ein Auszubildender sticht bei uns besonders hervor – von seiner Sorte würde ich direkt drei nehmen. Natürlich ist die Betreuung aufwändiger, aber es zahlt sich eben auch aus: der junge Mann ist lebhaft, authentisch und einfach ein lieber, netter Mensch. Man merkt ihm an, dass er seine Aufgaben gerne erledigt. Er kümmert sich super um die Kunden, welche mittlerweile sogar schon nach ihm fragen. Gegebenenfalls hat er auch das Potential, die Ausbildung zum Verkäufer noch anzuschließen. Für uns hat sich dieser erste Versuch schon gelohnt, wenn wir am Ende einen so fähigen Mitarbeiter gewinnen können.

Die Entwicklung zeigt also, dass sich einige Auszubildende besser entwickelt haben als andere?

Rüsing: Ja, aber das möchte ich gar nicht auf den Fachpraktiker reduzieren – das ist auch bei den regulären Ausbildungen so. Beim Fachpraktiker herrscht die übliche Fluktuation, andere Ausbildungsunternehmen müssen sich diesbezüglich keine Sorgen machen. Am besten ist es, ohne Erwartungen an diese neue Ausbildungsform heran zu gehen und sich dann über jeden Erfolg zu freuen. Wir wussten ja, dass es nicht einfach werden würde, aber wir haben nicht den Fehler gemacht, vorher schon alles schlecht zu reden.

Könnten Sie noch einmal kurz den Unterschied zwischen einer regulären Verkäuferausbildung und der Fachpraktikerausbildung zusammenfassen?

Rüsing: Dadurch dass die Ausbildung derzeit noch überbetrieblich von der ABW übernommen wird, sind die Fachpraktiker einen Tag weniger in unserem Betrieb als es mit Auszubildenden zum Verkäufer der Fall wäre. Darüber hinaus konnte ich aber keine gravierenden Unterschiede feststellen. Natürlich muss eine intensivere Betreuung erfolgen, aber die ist wiederum auch nicht so intensiv, dass ich einen Mitarbeiter dauerhaft daneben stellen müsste. Mit einem angehenden Fachpraktiker werden Arbeitsabläufe lediglich öfter wiederholt. Das passiert aber auch bei Auszubildenden zum Verkäufer – es kommt eben auf das Individuum an. Die wichtigsten Attribute im Dienstleistungsgewerbe wie Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft haben unsere Fachpraktiker schon mitgebracht – und mir ist ein freundlicher Mitarbeiter lieber als ein schneller.

Wie läuft die Betreuung durch die Ausbildungswerkstatt?

Rüsing: Das funktioniert sehr gut. Es besteht ein enger Kontakt zwischen unseren Abteilungsleitern und den Sozialpädagogen der ABW. Ohne diese Unterstützung würde es nicht funktionieren. Insbesondere auch in Hinblick auf die intensivere Nachbereitung des Lernstoffs sowie die Prüfungsvorbereitung. So wie es jetzt ist, ist es ein guter Mix.

Wie könnte man die Fachpraktikerausbildung in andere Unternehmen transportieren?

Rüsing: Wichtig ist, den Fachpraktiker nicht als „Lückenbüßer“ zu betrachten, weil man keine Fachkräfte mehr akquirieren kann. Man muss sich bewusst machen, dass man zunächst in diese Jugendlichen investieren muss. Aber um dem Nachwuchskräftemangel zu begegnen, könnte die Fachpraktikerausbildung ein alternativer Weg sein. Dabei sind insbesondere die einfacheren, sich wiederholenden Dienstleistungsaufgaben eine Perspektive – diese garantieren in unserem Markt einen reibungslosen Arbeitsablauf und tragen so enorm zur Kundenzufriedenheit bei.

Wo sehen Sie Verbesserungspotential für die Fachpraktikerausbildung?

Rüsing: Schön wäre es, wenn die Jugendlichen noch mehr Praxisbezug hätten und drei anstatt zwei Tage bei uns im Betrieb verbringen würden. Bedingt durch die außerbetriebliche Ausbildung müssen sie im Moment drei Institutionen gerecht werden, nämlich der ABW, der Berufsschule und uns. Damit muten wir ihnen mehr zu als Auszubildenden in regulären Berufen. Andererseits sind sie auf diese Unterstützung angewiesen und die Kommunikation zwischen den Institutionen klappt sehr gut.

Würden Sie es wieder machen?

Rüsing: Ja! Es gibt in allen Ausbildungsformen positive sowie negative Beispiele. Die Fachpraktikerausbildung ist in meinen Augen eine wertvolle Möglichkeit, den Einstieg auf dem ersten Arbeitsmarkt zu schaffen.

Eine allgemeine Frage zum Schluss: Welche zukünftigen Herausforderungen sehen Sie für den Einzelhandel vor dem Hintergrund der Digitalisierung oder des Onlinehandels?

Rüsing: Ich sehe die Herausforderung insbesondere darin, das Online-Geschäft mit dem stationären Handel zu verzahnen. Das gelingt uns bisher ja schon sehr gut, weil wir ja parallel auch einen der größten Online-Shops betreiben. Natürlich wird das Thema „E-Commerce“ kommen und da müssen wir auch mitgehen. Ebenso werden die Auszubildenden dann vermehrt auf den Onlinehandel geschult werden. Wenn ein Kunde das passende Produkt nicht in unserem Markt findet, sollen unsere Mitarbeiter auf unseren Online-Shop verweisen und den Artikel für den Kunden direkt bestellen. Zukünftig wird es unseren Kunden außerdem sogar möglich sein per „Click & Collect“ die Waren online zu bestellen und diese in Tüten verpackt umgehend bei ihrem real,- Markt abzuholen.

Weitere Informationen:

Lars Rüsing wurde zusammen mit seinen Auszubildenden zum Fachpraktiker im Verkauf bereits für die Best-Practice-Broschüre der IHK Braunschweig zum Thema „inklusive Ausbildung“ interviewt. Die Broschüre sowie weitere Informationen erhalten Interessierte bei der Inklusionsberaterung der IHK Braunschweig.

Anneke Busch
Tel.: +49 531/4715-221
E-Mail: anneke.busch@braunschweig.ihk.de

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