Stark dank Ehrenamt – Prüfer in der beruflichen Aus- und Weiterbildung

Stark dank Ehrenamt | Prüfer in der beruflichen Aus- und Weiterbildung

Über 180.000 ehrenamtliche Personen sind bundesweit in über 35.000 IHK-Prüfungsausschüssen tätig. Jährlich führen die Industrie- und Handelskammern rund 700.000 Prüfungen in der Aus- und Weiterbildung durch – undenkbar ohne den engagierten Einsatz der Prüferinnen und Prüfer.

Auch die IHK Braunschweig kann ihren gesetzlichen Auftrag, nur dank des Einsatzes von 1.600 Ehrenämtlern in etwa 300 Prüfungsausschüssen, erfüllen. Im Interview berichten Frank Haufe, Prüfer für Industriekaufleute, und Deniz Demirci, Prüfer für Kaufleute für Büromanagement, über ihren Einsatz in der IHK Braunschweig.

wirtschaft: Herr Haufe, Sie sind seit über 16 Jahren in Prüfungsausschüssen für angehende Industriekaufleute tätig. Was ist Ihre Motivation, sich in einem Prüfungsausschuss zu engagieren?

Frank Haufe ist seit 16 Jahren Prüfer für Industriekaufleute. (Foto: André Pause/IHK)

Haufe: Grundsätzlich halte ich es für wichtig, dass jedes Unternehmen bzw. jeder Mensch sich in seinem Umfeld engagiert. Das kann die Mitarbeit in einem Verein, Verband oder auch eben in einem Prüfungsausschuss sein. Jeder Prüfer investiert natürlich auch Zeit in diese Tätigkeit. Dabei ist es nicht nur der Prüfungstag als solcher, es sind auch die abendlichen Vorbereitungen vor der Prüfung. Jedes vorgelegte Prüfungsthema muss auch von uns individuell vorbereitet werden. Schließlich sollten sich unsere Fragen nicht ständig wiederholen, das würde sich dann auch irgendwann unter den Auszubildenden herumsprechen.

Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt: Wir Prüfer erhalten mit jeder Präsentation eines Prüfungsthemas einen kleinen Einblick in die Prozesse und die täglichen marktspezifischen Herausforderungen der Ausbildungsbetriebe. Natürlich dürfen wir bestimmte Informationen auch nicht aus dem Prüfungsausschuss heraustragen oder zum Wettbewerbsnachteil Dritter verwenden. Aber jede Präsentation ist für mich dann wie eine kleine Betriebsführung, die mich in die Lage versetzt, unsere Welt immer ein weiteres Stück zu entdecken und zu verstehen, wie etwas funktioniert.

wirtschaft: Herr Demirci, wie lange sind Sie schon als Prüfer für den Beruf Kaufmann/-frau für Büromanagement aktiv? Was hat Sie motiviert, sich ehrenamtlich in einem Prüfungsausschuss zu engagieren?

Deniz Demirci ist neues Mitglied im Prüfungsausschuss für Kaufleute für Büromanagement. (Foto: privat)

Demirci: Seit sechs Jahren engagiere ich mich bereits als Ausbilder. Seit Juni 2017 bin ich nun auch im Prüfungsausschuss aktiv. Die Abschlussprüfungen entscheiden über die beruflichen Perspektiven. Für mich als Unternehmer und Ausbilder geht auch für unsere Azubis eine besondere Verantwortung einher, die mit diesem Ehrenamt verbunden ist. Über den Austausch mit den Ausschusskollegen ist es interessant zu erfahren, wo Defizite und Herausforderungen bei der Ausbildung sind. Da ich mich auch politisch engagiere, kann man die Herausforderungen noch früher erkennen und darauf aufmerksam machen. Zudem möchte sich unser Unternehmen ganzheitlich für die Ausbildung engagieren, denn Azubis sind die Fachkräfte von morgen.

wirtschaft: Bevor Sie in der IHK Braunschweig aktiv geworden sind, waren Sie lange Jahre Prüfer in der IHK Hannover. Gibt es Unterschiede in der Arbeit der Prüfungsausschüsse?

Haufe: Ja. Während wir im Prüfungsausschuss der IHK Hannover viel Wert auf einen Medienwechsel während der Präsentation gelegt haben, d.h. neben der üblichen Power-Point-Präsentation den Einsatz eines Flipcharts oder einer an der Stellwand sichtbaren Gliederung begrüßt haben, war das im Helmstedter Prüfungsausschuss der IHK Braunschweig eher unüblich. Im Rahmen einer Generalprobe übte ich mit unseren eigenen Auszubildenden diesen Medienwechsel. Diese Art der Präsentation sorgte im Helmstedter Prüfungsausschuss zunächst für Verwunderung. Dennoch haben aber alle Prüflinge ihre Prüfung bestanden – und ich habe mich im neuen Ausschuss zu meiner „Tat“ bekannt. Ich habe mich allerdings mit dieser kleinen Varianz im Helmstedter Ausschuss sehr schnell angefreundet.

Ein weiterer Unterschied liegt in der Gewichtung von Präsentation und Fachgespräch. In Hannover haben wir seinerzeit eine Gewichtung von 30 Prozent für die Präsentation und 70 Prozent für das Fachgespräch verwendet, während im Helmstedter Prüfungsausschuss die Gewichtung beider Teile bei 50 Prozent liegt. Aber das war für mich eher ein Punkt am Rande.

Neben diesen Unterschieden habe ich jedoch eine große Gemeinsamkeit schätzen gelernt: alle Prüfer sind trotz ihres Anspruchs, die mündliche Prüfung auf einem hohen Niveau durchzuführen, wohlwollende Kollegen, die keinen Prüfling unfair behandeln und die Fragen sorgfältig vorbereiten. Die Zusammenarbeit ist wirklich gut und wir tauschen uns auch zwischen den Prüfungsterminen aus. Das hat mir den Wechsel von Hannover nach Braunschweig sehr leicht gemacht. Die Aufnahme hier war sehr herzlich.

wirtschaft: Was würden Sie Azubis empfehlen, um sich optimal auf eine Prüfung vorzubereiten?

Demirci: Aus meiner Sicht sollte man sich zielgerichtet auf die Themen vorbereiten, die zuvor ausgewählt wurden. Während des Lernens sollte man die Prozesse hinterfragen und sich visuell vorstellen. Dabei kann es zum Beispiel auch hilfreich sein, die Prüfungssituation mit Familie und Freunden zu simulieren. Um gut vorbereit zu sein, könnte man sich bspw. auch eine Checkliste erstellen: Personalausweis eingepackt? Unterschriebene Berichtshefte eingepackt? Taschenrechner und Stifte eingepackt? Wecker gestellt? Handy ausgeschaltet? All diese Punkte können dazu beitragen, den Prüfungstag möglichst stressfrei zu beginnen.

wirtschaft: Man merkt, dass Sie die Prüfertätigkeit mit viel Herzblut machen. Welches Erlebnis ist Ihnen dabei in besonderer Erinnerung geblieben?

Haufe: Wir hatten vor einigen Jahren im Prüfungsausschuss in Hannover eine Auszubildende zur Industriekauffrau in der mündlichen Abschlussprüfung, die ihre 15-minütige Präsentation als Verkaufsgespräch gestaltet hatte. Das war sehr originell. Im anschließenden Fach- bzw. Prüfungsgespräch setzte sie jedoch diesen Stil konsequent fort. Fragen zum Themengebiet Materialwirtschaft beantwortete sie mit den Worten „Oh, da verweise ich auf meine Kollegen im Einkauf; die werden sich zur Beantwortung Ihrer Frage später direkt mit Ihnen in Verbindung setzen. Lassen Sie mir doch Ihre Visitenkarte da.“ Erst mussten wir Prüfer schmunzeln. Als sie jedoch unsere weiteren Prüfungsfragen ähnlich beantwortete, bemerkten wir, dass sich unser Prüfling immer noch in der Rolle einer gespielten Verkaufssituation wähnte. Die dann deutlichen Hinweise unserer Vorsitzenden brachten die junge Dame schließlich in die Realität der Prüfung zurück. In der restlichen Zeit hatte sie dann doch noch alle unsere Fragen beantwortet und schließlich die Prüfung doch noch bestanden.

wirtschaft: Die IHK Braunschweig ist immer auf der Suche nach engagierten Prüferinnen und Prüfern. Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Prüfer aus?

Demirci: Den einen perfekten Prüfer gibt es sicherlich nicht. Wichtig wäre meiner Meinung nach, dass man freundlich, kommunikativ, neugierig auf Neues, einfühlsam, kritikfähig und vor allem motiviert bei der Sache ist. Ich persönlich bin mit viel Herzblut dabei und freue mich schon auf die nächsten Prüflinge.

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