Erfolg durch Kooperation

- Elisabeth Heister-Neumann, Niedersächsische Kultusministerin, Foto: Jörg Scheibe
Haben unsere Schülerinnen und Schüler nicht ausreichende Kenntnisse in Mathematik? Schnell finden sich Stimmen, die genau dieses zu belegen scheinen. Doch wir sollten genauer hinschauen, denn solche pauschalen Aussagen gibt es, solange es Schule gibt. Fakt ist, wenn es konkrete Hinweise gibt, dann müssen wir die Ursachen herausfinden. Fakt ist auch, dass wir sehr viel für die Stärkung des Unterrichts in Mathematik und den Naturwissenschaften getan haben. Die Qualität von Schule ist gestiegen, es gibt mehr Mathematik an den Schulen, es können im Sekundarbereich I Profilklassen auch in Mathematik gebildet werden, Mathe kann nicht mehr abgewählt werden. Doch diese Änderungen wirken erst nach einiger Zeit, denn die Jugendlichen müssen das Schulsystem erst einmal durchlaufen haben. Es gibt auch viele erfolgreiche Kooperationen von Schulen mit Hochschulen, Handwerksbetrieben und Unternehmen.
Der Rahmen für den modernen Mathematik-Unterricht ist in der Kultusministerkonferenz unter Einbindung der Hochschulen abgestimmt worden. Es gibt bereits didaktische Arbeitskreise, in denen sich Schule und Hochschule abstimmen. Dieser Prozess muss langfristig angelegt sein. Wir leben in einer sich immer schneller verändernden Welt. Die Anforderungen verändern sich über die Jahre. Wir müssen kontinuierlich hinschauen und vor allem gemeinsam handeln.
Kopfrechnen ist unverzichtbar, doch ich kann mir nicht vorstellen, dass ernsthaft jemand fordern will, zur reinen »Paukerei« zurückzukehren. Schule und Elternhaus können spielerisch die Grundfertigkeiten trainieren. Es geht nicht um die Frage, wie eine Unterrichtsstunde gestaltet werden soll. Es geht darum, dass unsere Schülerinnen und Schüler am Ende ihrer Schulzeit mit ihrem Abschluss Fähigkeiten und Fertigkeiten erworben haben, die sie für ihren weiteren Lebensweg benötigen. Es kommt darauf an, dass wir hier zusammen mit den Betrieben und den Hochschulen diese Schnittstellen festlegen. Wir haben im schulischen Bereich mit der Stärkung von Mathematik im Unterricht die Grundlagen gelegt.
Es geht um die Zukunftschancen unser Schülerinnen und Schüler. Die Kooperation klappt bereits in vielen Projekten. Wir haben im Neustädter Modell durch die Kooperation von Hauptschule und berufsbildender Schule erreicht, dass jeder Schüler seinen Hauptschulabschluss geschafft hat und 2/3 direkt einen Ausbildungsplatz bekamen. Das hat dazu geführt, dass wir diesen Sommer einen Ansturm auf den Hauptschulzweig der Schule erlebten. Es waren erheblich mehr Anmeldungen als überhaupt Plätze zur Verfügung standen. Dieses Modell kann künftig landesweit eingeführt werden. Wir haben erfolgreiche Kooperationen von Universitäten und Schulen, wie zum Beispiel das uniKIK-Institut an der Leibniz Universität Hannover. Projekte wie Apollo 13, die Gauß-AG, die Winter-Uni und viele andere mehr zeigen den Erfolg. Dies müssen wir weiter ausbauen.
Mathe kann richtig Spaß machen. Wir haben in den rund 3200 Schulen im Land engagierte Lehrerinnen und Lehrer, die mit den unterschiedlichsten Methoden unsere Kinder Tag für Tag aufs Neue für Mathematik begeistern. Wichtig ist, bei den Schülerinnen und Schülern das Interesse zu wecken und die eigenen Fähigkeiten auszubauen. Nicht jeder will und kann Mathematik studieren, doch wer dies möchte, sollte diese Chance auch ergreifen können und das notwendige Rüstzeug mitbekommen. Eines ist dabei für mich unverzichtbar: die frühzeitige Kooperation zwischen Hochschulen und Schulen.
Kultusministerin verspricht:
»Mathematik-Unterricht wird stärker mit den Erfordernissen von Universität und Wirtschaft in Einklang gebracht«
Die Initiative der IHK »Notstand in Mathematik« fand in den letzten Wochen nicht nur in den Medien, sondern auch bei Unternehmern, Universitätsprofessoren und Lehrern eine breite Resonanz. Am 21. Oktober äußerte sich die niedersächsische Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann im Rahmen einer Pressekonferenz zu den Forderungen der IHK. Als sie die Ergebnisse des neuesten Mathematik-Tests von Studienanfängern an der TU Braunschweig mit einer Durchfallquote von fast 88 Prozent erfuhr, reagierte sie erschüttert: »Das sind ja fürchterliche Zahlen«, so die Ministerin wörtlich. Sie zeigte sich für die IHK-Positionen sehr aufgeschlossen. »Wenn wir den Standort Deutschland nicht gefährden wollen, müssen wir weiterhin an einem hohen Leistungs niveau interessiert sein.«
Zu Beginn der Pressekonferenz machte IHK-Präsident Dr. Wolf-Michael Schmid deutlich, dass nicht nur die Universität, sondern auch die Wirtschaft darüber klagt, dass bei den jungen Menschen heute elementare mathematische Grundkenntnisse fehlen. »Die Entwicklung macht mir große Sorgen«, so Schmid, »es ist keine extreme Position der IHK Braunschweig, sondern ein Thema, bei dem wir uns auf breiter Front bestätigt fühlen.«
Die Kultusministerin dankte der IHK für die Initiative und ging offensiv auf die Vorschläge der IHK ein. Der Landesregierung sei bewusst, dass Niedersachsen künftig verstärkt qualifizierten Fachkräfte- und Akademikernachwuchs braucht, daher habe man ab 2003 die Stundenzahl in Naturwissenschaften und Mathematik erhöht, sowohl in der Grundschule als auch in den weiterführenden Schulen. Selbst nach der Verkürzung der Schulzeit an den Gymnasien sei die Stundenzahl in diesen Fächern in der Summe unverändert geblieben.
Es sei erforderlich, die Erwartungen der Hochschule und der Wirtschaft präzise zu analysieren, sagte Heister-Neumann und kündigte an, dass ein Vertreter des Kultusministeriums künftig in der gemeinsamen Arbeitsgruppe von IHK und TU mitarbeiten werde. »Es muss uns gelingen, die Zahl der Studienabbrecher in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern deutlich zu senken.«
Im Übrigen hätten die Kultusminister der Länder so genannte Mindeststandards verbindlich verabredet, um ein vergleichbares Leistungsniveau deutschlandweit sicherzustellen.
Von der Forderung der IHK, Taschenrechner frühestens ab der 9. Klasse zuzulassen, war die Ministerin weniger begeistert, versprach aber, Art und Umfang des Einsatzes von Taschenrechnern zu hinterfragen.
Bestürzt reagierte die Ministerin, als der Braunschweiger Mathematik-Professor Thomas Sonar die neuesten Ergebnisse eines Mathematik-Eingangs-Tests von Studienanfängern aller Fachrichtungen vorstellte. Obwohl der Test noch einmal deutlich vereinfacht worden sei, unter anderem mit Aufgaben zur Bruchrechnung und den Potenzgesetzen, seien fast 88 Prozent der Teilnehmer gescheitert. Sonar: »Aufgaben, die früher vollkommen selbstverständlich waren, können heute offensichtlich nicht mehr gelöst werden.«
Sonar appellierte an die Ministerin, den Lehrplan zu entrümpeln und zum Beispiel den Umfang der Stochastik deutlich zu reduzieren. Er bemängelt im Übrigen, dass bei der Aus arbeitung der Kerncurricula im Fach Mathematik seiner Einschätzung nach zwar Didaktiker mitgearbeitet haben, aber leider keine Professoren, die das Fach Mathematik an den Hochschulen unterrichten. »Der direkte Weg wäre besser gewesen«, sagte Sonar und machte deutlich, dass er den Einfluss der Didaktik in den letzten 30 Jahren für absolut schädlich hält.
IHK-Vizepräsident Carl Langerfeldt verwies noch einmal auf den Forderungskatalog der IHK und unterstrich die Bedeutung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe unter Beteiligung des Kultusministeriums. »Wir werden dann zügig zu konkreten Ergebnissen kommen«, gab sich Langerfeldt zuversichtlich. jh
Was Taschenrechner in der Schule anrichten
Auch Thomas Risse, Professor an der Hochschule in Bremen, stellt alarmierende Defizite bei den Studienanfängern in Mathematik fest, die vielfältige Gründe haben. Als eine beeinflussbare Ursache nennt Risse den Einsatz von Taschenrechnern im Mathematik-Unterricht an den Schulen.
Kultusminister, Didaktiker und Lehrer unterschätzten den »Verführungscharakter« von Taschenrechnern. Das Gefühl für Zahlen und die mathematischen Zusammenhänge bleibe auf der Strecke. Die Schüler lernten nur, welche Tasten zu drücken sind. Mathematische Einsichten würden auf diese Weise nicht vermittelt.
Anhand von Beispielen verdeutlicht Professor Risse seine Thesen in einem Vortrag am
26. November, 19.00 Uhr, im Hörsaal SN 19.1 der TU Braunschweig, Schleinitzstraße 19.
Er hofft, auf diesem Wege viele Mitarbeiter für einen besseren Mathematikunterricht


