25 Jahre Technologietransferpreis der IHK - Braunschweiger Forscher mit Diamanttechnologie weltweit führend

Die Laufzeit von Pumpen, die in der Ölindustrie oder in anderen schwierigen Bereichen zum Einsatz kommen, steigt durch eine Erfindung aus Braunschweig um ein Vielfaches. Dr. Lothar Schäfer und Dr. Markus Höfer, zwei Wissenschaftlern vom Fraunhofer-Institut für Schicht- und Oberflächentechnik IST, ist es gelungen, für Pumpen, Kompressoren und Turbinen diamantbeschichtete Keramikdichtungen zu entwickeln, die heute eine weltweit führende Marktstellung haben.
Für den Transfer dieser Entwicklung erhielten sie den mit 10.000 Euro dotierten Technologietransferpreis der Industrie- und Handelskammer Braunschweig, der am 13. November bereits zum 25. Mal verliehen wurde. Mit der Auszeichnung würdigt die IHK nach den Worten von Präsident Dr. Wolf-Michael Schmid und dem Jury-Vorsitzenden Professor Werner Gramm Richtung weisende Forschungsergebnisse, die von der Wirtschaft erfolgreich aufgenommen wurden.
wirtschaft Herr Dr. Schäfer, Herr Dr. Höfer, Sie haben mit diamantbeschichteten Keramikdichtungen die Konkurrenz abgehängt und die weltweite Technologieführerschaft übernommen. Welche Vorteile bietet die Kombination der beiden Werkstoffe?

- Dr. Lothar Schäfer
Schäfer Die Funktion und Lebensdauer von Dichtungen hängt entscheidend davon ab, ob eine hinreichende Schmierschicht vorhanden ist, ansonsten entstehen Reibung und hohe Temperaturen mit der Folge, dass die Dichtung zerstört wird und die Pumpe ausfällt. Und es gibt auch durchaus Situationen, da steht kein Schmiermittel zur Verfügung. Wir haben daher nach Möglichkeiten gesucht, die Belastbarkeit der Dichtungen zu erhöhen und festgestellt, dass Keramikdichtungen mit einer Diamantschicht uns völlig neue Dimensionen eröffnen. Die Verbindung der beiden Werkstoffe Keramik und Diamant ist einfach unschlagbar.

- Dr. Markus Höfer
Höfer Es ist ein Quantensprung, was die Belastbarkeit betrifft, im Besonderen, wenn Flüssigkeiten gepumpt werden, in denen Feststoffe enthalten sind. Eine Unterbrechung des Schmierfilms führt aufgrund der verschleißarmen Diamantschicht nicht gleich zum Ausfall der Pumpe. Bei einem Testversuch, bei dem Schlämme mit sehr harten Schleifpartikeln gepumpt worden sind, lief die Pumpe 36 000 Stunden, ohne dass ein Verschleiß festgestellt wurde. Früher musste sie bereits nach 2000 Stunden ersetzt werden.
wirtschaft Sie sind sozusagen »Herr der Ringe«. Warum sind andere nicht auf die gleiche Idee gekommen?
Schäfer Wettbewerber haben zwar immer wieder den Versuch gemacht, Dichtungen mit einem ähnlichen Verschleißschutz herzustellen. Es ist ihnen aber nicht gelungen, ein Produktionsverfahren mit einer so hohen Präzision und einer gleichbleibenden Qualität zu entwickeln. Die Diamantschicht ist hauchdünn und hat gerade ein Zehntel der Stärke eines Menschenhaares.

- »Die Brücke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft muss noch viel breiter werden«, sagt Dr. Wolf-Michael Schmid, (l.) »damit aus den Forschungsergebnissen verstärkt Innovationen in den Unternehmen entstehen können.« Der IHK-Präsident verwies darauf, dass sich der Technologietransferpreis von anderen Innovationspreisen unterscheide. »Wir waren vor 25 Jahren die Ersten in Deutschland, die den Transfervorgang mit einem Preis gewürdigt haben«, freut sich Schmid. Inzwischen seien 67 Preisträger mit 32 Transferobjekten und einer Preissumme von mehr als 210.000 Euro ausgezeichnet worden. Unser Bild (v. l.): Dr. Schmid, die beiden Preisträger Dr. Lothar Schäfer und Dr. Markus Höfer sowie der Jury-Vorsitzende Professor Werner Gramm.

- Gleitringdichtung MFLWT 80 von Burgmann Industries
wirtschaft Wie schätzen Sie das Marktpotenzial Ihrer Erfindung ein?
Höfer Die Forschungsergebnisse werden seit 2007 von der Burgmann Industries GmbH & Co. KG in Wolfratshausen, einem führenden Hersteller von Gleitringdichtungen, genutzt. Die Beschichtung der Dichtungen erfolgt bei der CONDIAS GmbH in Itzehoe, einer Ausgründung aus dem Fraunhofer-Institut. Inzwischen wurde bereits eine erhebliche Anzahl an Dichtungen abgesetzt. Burgmann ist mit dem Produkt weltweit führend.
wirtschaft Ein Forschungsprojekt enthält ja immer auch das Risiko, dass das aufnehmende Unternehmen die Erfindung in der Schublade verschwinden lässt, weil etwa Marketing-Experten die Befürchtung haben, dass zum Beispiel in Ihrem Fall durch die längere Standzeit der Pumpen künftig erheblich weniger Dichtungen abgesetzt werden.
Schäfer Wenn es schlecht läuft, kann es durchaus passieren, dass eine Erfindung in der Schublade landet. Übrigens nicht nur, weil Marketingstrategen anderer Ansicht sind. Auch die Profilierungsnöte von Führungskräften kann in diesem Zusammenhang durchaus ein Problem sein. Die Zusammenarbeit mit Burgmann war dagegen vorbildlich. Man hat schnell erkannt, dass unsere Erfindung eine erhebliche strategische Bedeutung für das Unternehmen hat. Übrigens muss das Vertrauen auf beiden Seiten vorhanden sein. Viele Unternehmen lassen sich nämlich ungern in die Karten gucken.
wirtschaft Viele Unternehmer behaupten von sich, dass sie unglaublich innovativ seien. Entspricht diese Einschätzung aus Ihrer Sicht der Wirklichkeit?

- Großformat Diamantbeschichtungsanlage
Höfer Ich kenne diese Innovationsrhetorik. Bei den meisten steckt nicht viel dahinter. Sie sind konservativ bis zum geht nicht mehr und bleiben am liebsten bei Ihrem alten Verfahren, weil sie das Risiko scheuen. Die Angsthasen setzen sich in der Regel durch. Es fehlen überall Führungskräfte mit Ideen, Visionen, einem langen Atem und nicht zu vergessen, Mut.
wirtschaft Wie schafft es ein kleines Unternehmen, mit Ihnen zusammenzuarbeiten?
Schäfer Auch wenn Volkswagen vom Umsatz her unser größter Kunde ist, bei uns bekommt man jederzeit eine Beratung, wenn es thematisch passt. Mein Appell heißt: Keine Scheu.
wirtschaft Neben der Diamant-/Keramiktechnologie, die Sie noch weiterentwickeln wollen, arbeiten Sie an einem vielversprechenden neuen Projekt, bei dem es nicht um Diamantbeschichtung, sondern um Siliziumschichten geht.
Höfer Wir haben gerade eine Beschichtungsanlage in Betrieb genommen, die in dieser Form weltweit einmalig ist und mit der wir die Herstellungsgeschwindigkeit der Siliziumschichten z. B. für Solarzellen deutlich erhöhen können.
wirtschaft Wann wird Ihr Verfahren marktreif sein?
Schäfer In rund fünf Jahren. Die Herstellungskosten der Solarzellen könnten dadurch mehr als halbiert werden. jh


