Es gibt einen Notstand in der Mathematik

Lehrer, Unternehmer und Kultusministerium einig:
»Es gibt einen Notstand in der Mathematik«

Trotz der Brisanz des Themas und unterschiedlichen Ansätzen zur Lösung der Problematik sind sich Lehrer, Unternehmer und Kultusministerium einig: Es gibt einen Notstand in der Mathematik, der behoben werden muss. Das wurde beim 2. Nachmittag der Mathematik der IHK am 14. April im Haus der Wissenschaft deutlich.

Ein erster Schritt ist getan: Seit dem ersten Nachmittag der Mathematik, der im September 2009 stattgefunden hat, wurde das Thema lebhaft in der Öffentlichkeit diskutiert. Die Resolution, die danach entstanden ist, wurde von der Vollversammlung der IHK Braunschweig genehmigt, der damaligen Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann vorgelegt, und hatte die Errichtung einer Arbeitsgruppe ›Notstand Mathematik‹ zur Folge.

Die Vertreter der Arbeitsgruppe, bestehend aus Unternehmern, Lehrern und Mitarbeitern des Kultus­ministeriums, haben zum zweiten Nachmittag der Mathematik einen Maßnahmenkatalog erarbeitet, der den über 100 Teilnehmern präsentiert wurde. Wie auch schon beim ersten Nachmittag der Mathematik lud die Veranstaltung dazu ein, das Thema lebhaft zu diskutieren.

»Irgend etwas muss in den letzten 25 Jahren schiefgegangen sein. An der fehlenden Begabung der Jugendlichen liegt es aber vermutlich nicht.«
Dr. Ralf Utermöhlen, IHK Vizepräsident

Dr. Ralf Utermöhlen, Vizepräsident der IHK Braunschweig, berichtete über die Entwicklungen und Erfolge, die seit dem ersten Nachmittag der Mathematik erreicht werden konnten. So wurde die beschlossene Resolution an Frau Heister-Neumann überreicht, die dazu in der IHK Wirtschaft Stellung genommen hat (Ausgabe November 2009). Sie versprach, die Anforderungen des Mathematik-Unterrichts stärker mit den Erfordernissen von Universität und Wirtschaft in Einklang zu bringen.

Als bedeutendes Thema wurde der Notstand Mathematik von Präsident Dr. Schmid in seiner Rede zum Neujahresempfang vorgestellt. Ministerpräsident Christian Wulff und Wirtschaftsminister Jörg Bode konnte das Thema vorgestellt und mit ihnen weiter debattiert werden. Das Kabinett im Bundesland Schleswig-Holstein hat das Thema ›Notstand Mathematik‹ ebenfalls aufgegriffen und wird eigene Maßnahmen zur Behebung der Problematik ergreifen.

Der erarbeitete Maßnahmenkatalog wurde von Dr. Utermöhlen am zweiten Nachmittag der Mathematik vorgestellt und die Diskussion eingeleitet. Themen, wie fehlende Motivation der Schüler, fehlende Merk- und Lernfähigkeit, Mentalitätswechsel bei den Schülern, fehlende Zeitressourcen zur Verfestigung von grundlegenden Mathematikkenntnissen wurden diskutiert. Gerade der Zeitmangel, der vom pensionierten Schulleiter Herr Pesditschek angeführt wurde, verhindert die Verfestigung von Schulstoff. Insbesondere im Fach Mathematik ist Zeit für Übungsphasen auch zu Lasten anderer Fächer notwendig. Gabriele Vogt, Lehrerin an der Johannes-Selenka-Schule Braunschweig betont, dass häufig die Verankerung im Langzeitgedächtnis fehlt und damit die Wissensvermittlung im Fach Mathematik erschwert wird. Um dies zu vermeiden, müssten Schülern Lerntechniken vermittelt werden.

Missstände in der Ausbildung von Lehramtsstudenten wurden in der Diskussion von Tobias Müller, Lehramtsstudent an der TU Braunschweig, bemängelt. »Gerade im Fach Mathematik ist die Zahl der Abbrecher mit 90 Prozent enorm hoch. Hier muss dringend Abhilfe geschaffen werden, damit auch in Zukunft genügend Lehramtsstudenten im Fach Mathematik zur Verfügung stehen«, so Müller.

Der Notstand Mathematik wurde durch die Vorträge der Referenten Prof. Dr. Kramer, Helmut Helsinger und Jürgen Beißner an den Schnittstellen Schule Hochschule, Schule Ausbildungsbetrieb und Schule Berufsschule verdeutlicht.

 

»Der Versuch, für die Mathematik im Unterricht Freiräume zu schaffen, wird scheitern. Die Brückenkurse an der Universität werden wohl zu einem ganzen Semester ausgeweitet werden müssen.«

Prof. Dr. Jürg Kramer, Humboldt-Universität BerlinProf. Dr. Jürg Kramer, Mathematikprofessor an der Humboldt-Universität Berlin und Mit­arbeiter am Niedersächsischen Mathematik-Kerncurriculum für Gymnasien, betonte, dass eine institutionalisierte Kommunikation in eigens eingerichteten Netzwerken notwendig ist, um Verbesserungen herbeizuführen. Dieser Weg wurde durch die IHK und ihrem Engagement zum ›Notstand Mathematik‹ eingeschlagen und ist weiter zu verfolgen.

 

»Bewerber scheitern vielfach an der Aufgabe, die Fläche eines Rechtecks mit den Kantenlängen 50 mal 70 Zentimetern zu berechnen.«
Helmut Helsinger, Ausbildungsleiter Robert-Bosch-Elektronik GmbH

Aus Sicht eines Ausbildungsbetriebes berichtete Helmut Helsinger, seit 1987 Ausbildungsleiter der Robert-Bosch-Elektronik GmbH, Salzgitter, dass vor allem die rechnerischen Fähigkeiten, die Basiskenntnisse, unabdingbar für die Ausbildung sind. An diesen mangelt es den Bewerberinnen und Bewerbern zunehmend, so dass Ausbildungsbetriebe dazu übergehen, ihre Auszubildenden in eigens durchgeführten Rechengrundkursen nachzuschulen. »Es fehlt an Wiederholungen, das Grundverständnis von Zahlen und Zahlenwerten ist nicht vorhanden«, so Helsinger. »Die Bewerber scheitern vielfach an der Aufgabe die Fläche eines Rechtecks mit den Kantenlängen 50 mal 70 Zentimetern zu berechnen.«

»Aus dem Minimalprodukt des Kerncurriculums muss jeder Lehrer selbst einen Lehrplan stricken. Warum wird das nicht zentral über die Ministerien organisiert?«
Jürgen Beißner, Schulleiter Heinrich-Büssing Schule

Der Notstand Mathematik macht sich auch an den Berufsschulen bemerkbar. Von den dort auftretenden Schwierigkeiten berichtete Jürgen Beißner, Schulleiter der Heinrich-Büssing-Schule – Berufsbildende Schulen Technik in Braunschweig. »Durch die zurückgehende Ausbildungsreife und mangelnde Mathematikkenntnisse müssen auch an den Fachgymnasien Stützkurse für Mathematik aufgebaut werden«, so Beißner. Eine mögliche Ursache könnte ein abnehmendes Konzentrationsvermögen bei Schülern sein. Zudem müssen Lehrer sehr viel häufiger erzieherisch wirken, da das Arbeits- und Sozialverhalten der Schüler nachlässt. In Richtung des Kultusministerium richtet er sein Appell, Lehrer nicht alleine zu lassen: »Wenn man sich das gültige Kerncurriculum Niedersachsens für Mathematik anschaut, dann ist das ein Minimalprodukt. Jeder Mathematiklehrer muss sich daraus seinen Unterricht selbst stricken. Hier wären Mindeststandards hilfreich!«

»Die Modellversuche zur Verbesserung der Kopfrechenfähigkeiten waren so erfolgreich, dass die Schüler diese Tests bei den Lehrern sogar eingefordert haben.«
Studiendirektor Wilhelm Weiskirch (†), Fachberater Mathematik

Im Vortrag zur langfristigen Vermittlung von Basisfähigkeiten und -fertigkeiten im Mathematikunterricht, berichtete Wilhelm Weiskirch, Fachberater Mathematik, über die Modellprojekte CALiMERO und MABIKOM zur Verbesserung von Kopfrechenfertigkeiten. Schüler werden durch regelmäßige Kopfrechenübungen und Tests zur Kontrolle beim Erwerb der Grundrechenarten unterstützt. Nach der Evaluierung der Modellversuche wird das Material Mathematiklehrern zur Verfügung gestellt, damit Kopfrechnen in den Schulen gestärkt wird. »Wir konnten nach zwei Jahren Arbeit an den Modellversuchen feststellen, dass Schüler diese Kopfrechentests mittlerweile bei den Lehrern einfordern«, so Weiskirch.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion berichtet Andrea Bese, Mitarbeiterin des Kultusministerium, dass im Hinblick auf die heterogene Schülerstruktur, Lehrer die Profile zum Kompetenzerwerb am besten aufstellen können. Von Seiten des Kultusministeriums würde man gerne Hilfestellungen zur sachgerechten Anwendung der Curricula anbieten, aber durch Föderalismusreform und finanzieller Restriktionen ist dies nicht möglich. Dies stößt bei Lehrern auf deutliche Kritik: »Als Lehrer muss man den Unterricht vorbereiten, die Kompetenzprofile für die Unterrichtsplanung erstellen – und da lässt das Curriculum viele Gestaltungsfreiräume – und weitere Aufgaben in der Schulstruktur übernehmen – aber auch der Tag eines Lehrers hat nur 24 Stunden«, so ein Teilnehmer.

Andreas Meisner, Oberstudiendirektor der Integrierten Gesamtschule Franzsches Feld in Braunschweig und Mitwirkender in der Arbeitsgruppe ›Notstand Mathematik‹, warnt vor schnellen Lösungen. »Es ist wichtig Brücken zwischen Schule und Wirtschaft und Schule und Hochschule zu bauen und Diskurse zu führen.«

Dr. Utermöhlen bestätigt dies in seinen Schlussworten und verspricht »Der Weg Brücken aufzubauen und bei dem Thema Notstand Mathematik zusammenzuarbeiten, damit mit aller Behutsamkeit Veränderungen durchgeführt werden können, wird von der IHK weiterverfolgt.«

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Jochen Hotop

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2. Resolution der Vollversammlung der IHK Braunschweig zum Projekt "Notstand in Mathematik"
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